Oldtimer
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Nummer 2 lebt.

Ballsaal, 3. Etage, Westin Book Cadillac Hotel, Detroit, Michigan, USA. In freudiger Erregung nun gleich den neuen Mercedes-Benz SL das erste Mal live zu sehen, lausche ich den Worten der Führungsriege aus dem Daimler-Konzern. Hinter dem Redner läuft auf drei riesigen Displays eine schicke Präsentation über die Altvorderen des Mercedes-Benz SL.

Welcher auch nur im Ansatz interessierte Jugendliche kennt nicht den Ur-SL, den es als Flügeltürer und als Roadster gab? Den Gullwing, den Mercedes deutsch korrekt die Bezeichnung W 198 gegeben hat. Das SL hinter dem 300 steht damals für Super Leicht – der Wagen wiegt gerade mal 1300 kg. Der Roadster 190 SL, W 121, ist sogar noch einmal 100 kg leichter.

Die zweite Evolutionsstufe, den Pagode (W 113), habe ich als Pimpf noch aktiv im Strassenbild gesehen. 1989 kaufe ich mein erstes Auto, einen Fiat 500, von einem Pagode-Fahrer. Zu dem Zeitpunkt ist der Wagen schon ein Klassiker. Der SL hat mit 1500 kg mittlerweile etwas zugelegt.

In meinem Geburtsjahr 1971 wird der 107 vorgestellt, den es als R 107 in einer offenen – SL – und als C 107 in einer geschlossenen – SLC – Variante gibt. In den 80iger Jahren läuft die Fernseh-Serie Magnum wöchentlich im Fernsehen. Magnums Freund Rick bewegt einen R 107. Mitte der 90iger Jahre ist der SL für ein paar Jahre als Gebrauchter ansatzweise mit meinem Budget realisierbar, aus einer Fügung des Schicksals wird es dann doch ein Alfa Spider. SL steht bei dieser Modell-Reihe mittlerweile für 1700 kg.

Anfang der 90iger studiere ich. Seit 1989 kann sich der geneigte SL-Freund den R 129 kaufen. Mein Vermieter fährt eine weinrotes Model. Ich mag den Vermieter nicht unbedingt und auch meine Liebe zum neuen SL hält sich sehr sehr in Grenzen. Der R 129 ist bis zu 2 Tonnen schwer. Der 2001 vorgestellte R 230 zieht mehr oder weniger an mir vorbei. Er kann – je nach Ausstattung – bis zu einer Tonne mehr wiegen als der W 121.

Ich warte jetzt aber auf den R 231. Und auf den freue ich mich. Auf den ersten Pressebildern sah der schon richtig klasse aus. Nun aber live bitte. Die Spannung steigt. Ich höre einen Motor. Ich meine es, wie ich es sage. Ich höre einen Motor arbeiten. Das Geräusch der explodierenden Gas-Mischung wird anscheinend ohne Schalldämpfer nach aussen gegeben. 6 Zylinder tönen da.

Noch ehe ich mich richtig wundern kann, fährt ein echter UR-SL auf die Bühne. Ein Prototyp des W 194. Fahrgestellnummer 2. Laut MB Passion Blog wurde der Wagen nie bei einem Rennen eingesetzt, in den letzten 9 Monaten aber in liebevoller Kleinarbeit restauriert. Während der SL sich uns auf einem Drehteller von allen Seiten in voller Schönheit präsentiert, zieht ein leichter Abgas-Schleier durch den Raum. Herrlich.

Ein wenig später kommt dann auch der R 231. Der ist auch schön, aber mal ehrlich, an den Ur-SL kommt er nicht heran. Zwischenzeitlich wird die Fahrerin aus dem Auto befreit. Denn wo der Gullwing ein grosse Flügeltür hat, muss man sich beim Ur-SL noch durch eine kleine Luke zwängen, was dem Wagen aber noch schönere und klarere Linie gibt. Ich bin verliebt. Am Liebsten möchte ich den Wagen mitnehmen. Leider passt er nicht in meine Hosentasche und das Einsteigen verhindert ein Schrank von einem Security-Mann, der den Wagen nicht aus seinen Augen lässt.

Am ersten Tag der NAIAS hat der Prototyp noch einmal einen wunderschönen Auftritt, als er dem neuen R 231 den Weg auf den Messestand voranfährt. Auch da zieht noch einmal dieser herrliche Benzingeruch in meine Nase. Ich bin verliebt.