Oldtimer
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Von Schmidtkult und Botzenhardt

Neulich hatte mich ein Erinnerungsblitz getroffen, als mir mal wieder ein DS Cabriolet in den Sinn kam: Michael Schmidtkult. Leider viel zu früh verstorbener Künstler aus Dortmund hatte Ende der 1990er Jahre einen Traum verwirklicht: Aus einer “normalen” DS-Limousine baute er ein Cabriolet. Das orientierte sich eng an den Chapronschen Entwürfen, war aber im Detail seinem persönlichen (guten!) Geschmack untergeordnet.

Die Homepage mit äußerst interessanten Stücken des Künstlers Schmidtkult ist nach wie vor online. Der neuen Startseite entnahm ich, dass über sein Cabriolet-Projekt posthum auch ein Buch erschienen ist. Für 20 Euro erwarb ich das 48-seitige Paperback-Buch. Der Preis ist ok, ich könnte mir aber auch eine höherwertige Bindung gut vorstellen.

Neben zahlreichen Abbildungen des fertigen Autos wird insbesondere auch über die Entstehungsgeschichte mit den etlichen Detaillösungen berichtet, die es auf dem Weg der Fertigstellung zu lösen gab. Dabei kommt auch der Blick auf die Vorbilder von Chapron nicht zu kurz. Alles in allem eine schöne Erinnerung an einen Künstler, der einen schon einzigartigen Entwurf perfektionierte.

Nicht schlecht gestaunt habe ich aber, als ich das kleine Buchpaket vom fgv-Verlag öffnete, fand ich dort doch ein weiteres Buch, das schnell mein Interesse weckte: “Wankel im Blick – Paul Botzenhardt fotografiert NSU Spider, RO 80, Mercedes C111“. Während der Einband farbig gehalten ist, warten auf 96 Seiten viele großformatige Schwarzweißfotos auf den Betrachter. Leser wäre nämlich beinahe zu viel gesagt, den zu lesen gibt es nur wenig. Aus der Frühzeit der Wankelfahrzeuge warten drei faszinierende Fahrzeuge: Der NSU Wankel-Spider, der das große Los zog, als erstes Serienfahrzeug mit Wankelmotor in die Geschichte einzugehen, ist optisch eine Augenweide, was zweifellos seiner vom Sport-Prinz,  ein Bertone-Entwurf, abgeleiteten Spider-Karosserie zuzuschreiben ist. Die Form war doch um einiges gelungener als die hauseigenen NSU-Entwürfe. Während man sich in die Karosserieform verlieben konnte, galt das für die Zuverlässigkeit des Antriebs leider nicht.

Das Wankel-Auto schlechthin ist aber zweifellos der RO 80. Zeitzeugen wissen stammtischschlau zu berichten, dass sich die RO80-Fahrer mit erhobenen Fingern als Zeichen grüßten, der wievielte Motor in ihrem RO inzwischen werkelte. Als Kind hatte ich ein RO80-Puzzle, als Abiturient fuhr ein Mitschüler einen RO (der immer eine blaue Ölwolke hinter sich herzog). Ich fand das Auto immer gleichzeitig begeisternd, aber auch abschreckend. Es war unheimlich modern gestaltet, wenn man es z. B. mit dem zeitgenössischen /8 von Mercedes vergleicht. Der unheimlich lange Radstand mit kurzem hinteren Überhang führte zu einer senkrechten hinteren Türkante. Das sucht man bei anderen Limousinen noch heute vergeblich. Allein dieses Detail machte die Seitenlinie markant, würde sie nicht durch den scharfen Bogen über dem vorderen Kotflügel (in meinen Augen) gestört. Ähnlich wie beim Fiat Dino Spider (dessen Front mir auch längst nicht so gut wie die des Coupés gefällt) wirkt die Front des RO 80, als wäre sie wie Wachs weich geworden und nach unten gesackt. Ist aber fraglos Geschackssache. So hässlich man den K70, ebenfalls ein NSU entwurf, der aber als VW verkauft wurde, auch finden mag: Seine Seitenlinie ist m. E. gelungener.

Aber gut, eigentlich war ich bei den Botzenhardtschen Fotos. Der RO 80 wird dort von allen Seiten, vor allem aber auch in dynamischen Posen, z. B.  in beängstigender Schräglage bei flotter Kurvenfahrt gezeigt. Apropos Posen: Schön auch, wie von zwei Damen die Vorzüge der Liegesitze gezeigt werden. Überhaupt war damals offensichtlich “Sex sells” keine unbekannte Floskel. Tiefe Einblicke gewährt Botzenhardt aber auch in die Innereien der Fahrzeugtechnik.

Den Schlussakkord in dem Fotoband setzt der C111. Ein Auto, das mir persönlich insofern besonders in Erinnerung blieb, weil ich als Kind nicht nur ein Modell des C111 hatte, sondern an diesem irgendwann mal meine Wut ausließ und es mit einem Hammer zerkloppte. Möglicherweise mit ein Grund für das lange Jahre irgendwie gestörte Verhältnis zur Marke mit dem Stern. Vor zwei Jahre fand ich genau das Modell auf der Techno Classica. Wie der Zufall es wollte, war dort auch das Original ausgestellt, das Fahrzeug, das auch Botzenhardt fotografierte. Mal mit offenen Flügeltüren, mal mit geschlossenen Flügeltüren, mal Scheinwerfer auf, mal zugeklappt. Erst auf seinen Fotos ist mir aufgefallen, dass das Heck doch irgendwie pummelig erscheint. Der ganze “Rest” ist aber einfach atemberaubend! Ernüchternde Realität ist, dass es diese Fahrzeug, ob mit Wankelmotor oder ohne, leider nicht zur Serienreife gebracht hat. Die Fotos, auf denen zeitgenössische Mercedes-Serienfahrzeuge neben dem C111 zu sehen sind, zeigen, wie radikal der Entwurf mit der Mercedes-Geschichte zu brechen schien.

(Apropos C111: Der Wahnsinn, was Lisa hier geposted hat.)