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Verdummende Kunst – Ein Beispiel

Was ist Kunst? Schwere Frage. Kunst ist eigentlich schon dann, wenn man z. B. über eine umgesetzte Idee (die vornehmlich keinem technischen Nutzen dient) spricht. Wirtschaftlichem Nutzen kann sie dahingegen sehr wohl dienen. Schließlich ist es erstaunlich, wie es einige schaffen, aus Scheiße Geld zu machen, z. B. indem man sie in Dosen abfüllt wie Piero Manzoni mit seiner merda d’artista.

Ob das Kunstwerk, um das es hier gehen soll, finanziell erfolgreich war, weiß ich nicht. Man kann ihm seine künstlerische Bedeutung insofern nicht absprechen, weil es zur Diskussion anregt. Es geht um das Werk “Verdichtung” von Gottfried Bechtold.

Erst fährt ein Porsche 911, den wohl viele gern ihr Eigen nennen würden, in der Gegend herum, und dann lässt ihn der Künstler in einer Schrottpresse nach seinen Vorgaben quadern. Dabei war das Auto mit Innenraumkameras ausgerüstet. That’s it. Mehr nicht, außer den einschläfernden Kommentaren wie “Gerade wird die Innenraumfunktion des Autos ganz stark reduziert” Wow. Großes Ausdruckskino.

Die über den Film gesprochene Kommentierung mit der Innenraumverkleinerung ist nämlich völliger Quark. Die gleichen Aufnahmen (eine Kamera hat es nicht mal besonders lange überlebt, wie dilletantisch) hätte man auch in einem Beetle oder Dacia machen können, nur hätte da keiner von denjenigen geguckt, denen beim Anblick des 911ers der Speichel von den Lefzen sabbert.

Bewusst wird mit den Kommentaren bei der Verdichtung daher versucht, vom eigentlichen Prozess, der Zerstörung eines hochwertigen, begehrten Produkts, das sich nur wenige leisten können, abzulenken und es auf eine Ebene der Aktionskunst zu hieven. “Schaut her, wie ich mich bemühe, das Auto so zu quadern, wie ich mir das vorstelle, und was dabei auch noch interessantes passiert: Der Innenraum wird kleiner!” Dabei liegt der Erfolg, dass man sich über so einen Unsinn unterhält nur darin begründet, dass schlicht niedere Instinkte angesprochen werden.

Noch ein Beispiel? “Mit dem Abhängen [des Kranhakens, mit dem das Auto in die Schrottpresse gehoben wurde] wird deutlich, dass die Zeit sich in eine Richtung unumkehrbar bewegt.” Oh! Interessant! Ich habe neulich gesehen, wie ein Kranhakeneingehakt und ein Auto angehoben wurde. Da muss die Zeit dann wohl rückwärts gelaufen sein. Wir lernen auch, dass nicht etwa die Form verändert wird, sondern die Funktion. Und noch ein einsames Fremdwort: Entropie. Klar, das muss bei jeder Aktionkunst mindestens einmal fallen, um dem Plattitüden-Faktor gerecht zu werden.

Das einzige, was dieses Werk zur Kunst werden lässt, ist die Tatsache, dass es sich nicht um irgendein beliebiges 08/15-Auto handelte, sondern eben um ein Objekt der Begierde. Jeder, der so ein Ding haben möchte, denkt: “Statt es in die Presse zu geben, hätte er es doch mir geben können.” Tja. Hat er aber nicht, zumal das Auto wohl eigentlich sogar über war. Dadurch, dass der Künstler in keinem Wort darauf eingeht, dass es sich eben nicht um ein normales Auto, sondern um einen heißbegehrten Porsche handelt, entlarvt er sich selbst. Ihm geht es eben nicht um das geschaffene Werk eines “verdichteten” (beliebigen) Autos, sondern er erhält die gewünschte Aufmerksamkeit nur deshalb, weil er einen 911er zerstört. Das mit der Aufmerksamkeit ist ihm zweifellos gelungen. Als Kunst Ernst nehmen kann und muss man das aber nicht.

Wie dumm muss man daher sein, um darauf hereinzufallen?

Was mir ganz gut gefällt, ist die Trennung der Feststoffe von den Flüssigkeiten, die abgesetzt in einer bauchigen Glasflasche am Ende neben dem ausgestellten Porsche stehen. Darin steckt wenigstens ein guter Gedanke.

3 Kommentare

  1. Jaaa … spannende Frage … immer noch … was ist Kunst?!
    Zwei Antworten scheinen mir auf die Frage bisher am ergiebigsten.

    1. Kunst ist Ästhetik und damit immer etwas, bei dem die Sinnliche Komponente im Vordergrund steht: Was sehe ich? Was höre ich? Und was fühle ich dadurch. Wenn mich etwas sinnlich anspricht, bin ich sehr oft gewillt, es als Kunst zu akzeptieren.

    2. Kunst ist Semantisierung des Nichtsemantischen. Was soll das heißen? Ein Beispiel: In der – nicht-künstlerischen – Alltagsspache spielt es keine Rolle, ob sich in einem Satz zwei Wörter reimen. Der Gleichklang der Wörter hat keine Bedeutung und ist, wenn er auftritt nur zufällig. In der Kunst aber werden diese Dinge die “normalerweise” keine Bedeutung haben, mit Bedeutung aufgeladen. Dass sich in Rilkes Gedicht “Der Panther” “Pupille” auf “Stille” reimt ist kein Zufall und hat Bedeutung.

    Ersteres trifft auf die Verdichtung zumindest für mich zu. Die Bilder aus dem Innern des Porsches sind wirklich schön und großartig und diese “Ohneinderporsche”-Gefühl, das sich einstellt, ist ja eben genau deshalb da, WEIL es ein Porsche ist, und eben kein rostiger Astra. Ich finde, das ist schon ein wichtiger Punkt dabei.

    Ich finde auch das Ergebnis schön. Der verdichtete Porsche sieht sogar verdichtet noch gut, ja fast ein wenig sogar wie ein Porsche aus.

    Und schließlich darf man die Ästhetik des Prosches vor der Verdichtung auch nicht außen vor lassen. Etwas so Schönes zu “verdichten” ist halt ästhetisch gesehen etwas anderes als einen Alltagswagen zu verdichten.

    Und auch die Semantisierung des Nichtsemantisch greift hier, wenn auch nicht besonders. Die “Verdichtung” eines Astra passiert jeden Tag. Ein Porsche wird halt nicht sooft zur Schrott gepresst und tadellose schon mal gar nicht. Einen tadellosen Porsche zu Schrott zu pressen bedeutet schlicht etwas.

    Du wirst es schon gemerkt haben: Ich mags.

    Du hast allerdings auch in mehreren Punkten Recht, wie ich finden muss.

    Der Kommentar ist unerträglich. Die wenigsten Künstler sollten überhaupt etwas über ihr Werk sagen. Das wie mit Fußballspielern. Die sollte man auch nicht zwingen etwas zu sagen. Deren Job ist es Bälle zu treten. Wenn sie gut reden könnten, wären sie Autoverkäufer.

    Außerdem funktioniert “moderne” Kunst allzu oft nach der Forme: I could have done that + Yeah, but you didn’t. Da ist es schwer eine brauchbare Ästhetik oder Bedeutung zu finden und so auch hier. Ein ziemlich schwaches Werk, das vor allem vom “Ich bin so krass und zerschreddere einen 911er”-Effekt lebt. Ein wenig traurig schon fast.

    • Ingenerd sagt

      Interessante Sicht! Vor allem, weil du viel besser mit Worten umgehen kannst als ich (bin ja auch nur Ingenerd).
      Btw: Früher war’s immer am besten, wenn Brehme interviewt wurde. 😉

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