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Probefahrt: Mercedes-Benz SL 300 Coupé Gullwing (W198)

Disclaimer für die Transparenz: Mercedes-Benz hat mich zur Probefahrt des neuen Mercedes-Benz SL nach Marbella, Spanien eingeladen. D.h. sämtliche Reise- und Hotelkosten wurden von Mercedes-Benz übernommen. Wer meint, dass dies mein Urteil beeinflusst, sollte den nachstehenden Artikel erst gar nicht lesen.

Den Mercedes-Benz SL 300 mit den Flügeltüren kennt wohl jedes Kind, was sich auch nur ansatzweise für Autos interessiert. Ich kannte ihn bislang aus Funk, Film, Fernsehen, Büchern, Zeitschriften und vor allem diversen Museen. Und am Samstag durfte ich ihn fahren. Ich Jan, Autoblogger und Normalsterblicher, durfte einen Mercedes-Benz SL Gullwing fahren. Und verdammt, ich habe wirklich jede Sekunde in vollen Zügen genossen.

Am zweiten Tag der Mercedes-Benz SL-Fahrveranstaltung hatten wir am morgen die Gelegenheit alle Vorgänger des neuen SL zu fahren. Leider war die Zeit sehr beschränkt und es treibt mir jetzt die Tränen in die Augen, dass es wirklich nur an der Zeit lag, dass ich nicht noch weitere Klassiker bewegt habe. Wir standen also vor der langen Reihe von klassischen SL und durften frei wählen. Und mein Wingman Jens Stratmann (dessen Sicht auf die Dinge ihr bei rad-ab.com lesen könnt) war fix genug, dass wir das einzige zur Verfügung stehende Mercedes 300 SL Coupe, den Flügeltürer – den Gullwing – fahren durften.

Fahren dürfen? Ja. Nur er und ich – wir reden schliesslich über einen Zweisitzer (im Übrigen mit jeder Menge Stauraum) – bekamen einen Schlüssel für den Wagen, durfen uns durch die offenstehenden Flügeltüren ins Innere des Oldtimers gleiten lassen und dann einfach losfahren. Wohin wir wollten. Mit diesem 800.000 Euro Klassiker. Wahnsinn!

Die ersten Minuten der Fahrt war keiner von uns wirklich in der Lage einen klar verständlichen Satz auszusprechen. AAAHHHHHHH! JAAAAAA! GOTT! WUHHHHAAAAAA! YEEEESS!! YEAAAAHH! OH! UGH! WOOOOOOOOOWWWW! lässt sich unsere Konversation recht gut zusammen fassen. Wir haben uns für eine vorgeschlagene Bergroute entschieden, die von der Prachtmeile Marbellas in die Berge führte. Knapp 10 Kilometer kurvig bergauf bis zum einem Wendepunkt. Und dann wieder bergab. Mit einem tollen Parkplatz zum Drehen und Fotos machen. Eine kluge Streckenwahl, denn ständig fuhren andere Gruppenteilnehmern mit ihren Klassikern vorbei.

Wie fährt sich denn nun so ein Mercedes-Benz Gullwing? FANTASTISCH! Zuerst etwas ungewohnt, wie bei allen alten Autos. Man muss sich an das Schalten, das Bremen (Hallo Trommelbremsen, es wäre schön, wenn ihr das Auto jetzt mal zum Stehen bringen würdet) und die Lenkwege gewöhnen. Aber nach einem Kilometer hat man eine erste Ahnung, wie sich das Schmuckstück verhält und wird dann auch nach und nach sicherer. So bin ich zum Schluss nach meinem Empfinden sogar recht souverän gefahren und hatte den SL sogar schon auf 90 km/h. Er kann natürlich viel viel schneller. Der Wagen wiegt schliesslich nur etwas etwa 1.3 Tonnen, wird aber von einem 3 Liter Reihen 6-Zylinder Motor angetrieben, der etwa 215 PS leistet. Aber ich war ja nicht zum Rennen da und wollte auch nicht derjenige sein, der dieses wunderschöne Stück Technik zerstört hat.

Du lässt Dich also durch die offene Flügeltür in den Fahrersitz gleiten (übersetzt: ich muss abnehmen und Sport machen, es ist schon nicht einfach in den Wagen zu gelangen, ohne sich zu verrenken oder den Wagen mit seinen staubigen Schuhen einzusauen. Nach ein paar Mal wird man dann aber eleganter.). Du greifst nach oben und schliesst die Flügeltür. Wäre an dieser Stelle schon Schluss gewesen, es wäre schon ein grosser Tag in meinem Leben gewesen. Stattdessen trete ich die Kupplung, lege den Leerlauf ein und drehe den mittig platzierten Zündschlüssel, der dann den Motor wie bei einem Neuwagen zum Leben erweckt. Der Motor brummt freundlich vor sich hin. Erster Gang rein, Kupplung kommen lassen. Er fährt. Ich fahre ihn. Ich habe Tränen in den Augen vor Glück.

Von Parkplatz auf die Strasse (mein Kopf zuckt links – rechts – links – rechts – links – rechts – bloss nichts übersehen). Ich bin auf der Strasse. Ich fahre ihn auf der Strasse. Oh Gott! Zweiter Gang. Da kommt die erste Kurve. Ich lenke ein. Dass heisst, ich drehe an dem grossen, weissen und eher filigranen Lenkrad. Und drehe noch ein wenig mehr. Nein, da unterstützt mich kein Servomotor und es ist ungewohnt, wie lang die Lenkwege sind, bevor sich der Mercedes-Benz dann auch wirklich in die Richtung bewegt, die ich vorgesehen habe (und die letztendlich auch der Strassenverlauf vorgibt). Dritter Gang. Dritte Kurve. Es geht immer noch bergauf. Das Lenken klappt schon wesentlich besser. Im Auto liegt ein lieblicher Benzingeruch. Nichts Besorgniserregendes, vielmehr eine aromatisierte Unterstützung des Fahrvergnügens. Ab der Kehre geht es dann bergab. Erste Kurve. Ich trete leicht auf die Bremse. Hoppla. Ich trete doll auf die Bremse. Öhm. Ich trete richtig doll auf die Bremse. Ah! Ok. Wiederum nach der dritten Kurve klappt es auch mit dem Bremsen. Und ich bin auch schon wieder an unserem Parkplatz. Jetzt ist Jens wieder an der Reihe. Nur ungern hieve ich mich aus dem Wagen. Aber wir wollen noch Fotos und Videos erstellen und immerhin kann ich den Mercedes-Benz SL 300 Gullwing dann zum Schluss hinab ins Tal zurück zum Hotel steuern.

Was ich auch ein wenig später tue. Das Fahren ist jetzt nur noch reines Vergnügen. Lediglich mit dem dritten Gang habe ich so meine Problem. Und – auf dem Parkplatz – vor allen Leute – beim Rückwärtsfahren würge ich den Wagen gleich zwei Mal hinter einander ab. Macht mir aber gar nichts. Ich bin einfach nur glücklich. Vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. Was für eine grossartige Erfahrung! Was für ein tolles Auto!