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Nissan Leaf: Akustisches Schweben

Wer schon einmal mit einem Citroen GS, GSA, DS, CX, SM, XM, Xantia oder C6 (mit) gefahren ist, der kann nachvollziehen, warum man dazu neigt zu behaupten, man wäre geschwebt. Die Hydropneumatik von Citroen in diesen Baureihen versetzt den (Mit)-Fahrer in eine Sänfte, welche die meisten Unebenheiten einfach verschluckt. Ein wirklich einmaliges Fahrvergnügen, dessen Erleben ich wirklich nur jedem Anraten kann. Schweben.

Gestern ist DER Probefahrer Alex Kahl mit seinem Nissan Leaf bei mir gewesen und hat mir den Schlüssel in die Hand gedrückt. Und während Alex nun in Spaniens Sonne weilt, komme ich in den Genuss das erste Mal in meinem Leben ein Elektroauto auf der Strasse zu bewegen.

Gestern abend bin ich dann meine ersten 30 km gefahren und war danach ziemlich beeindruckt. Primär von der Geräuschkulisse. Dieses Nichts. Also das, wo man das Motorgeräusch erwartet. Einfach nicht da. Man gleitet durch die Stadt, über die Landstrasse. Und es ist so angenehm. Viel angenehmer als ich mir das je hätte vorstellen können. Ich schwebe! schwärme ich vor mich hin. Bis die nächste Fahrbahnunebenheit durch das Fahrwerk meinen Rücken erreicht. Ok. Ich schwebe akustisch! So ist es richtig. Das Fahrgeräusch des Nissan Leaf entspricht dem, was man in einer Citroen DS irgendwie erwartet. Herrlich. Ich bin beeindruckt.

Beeindruckt hat mich auch das Licht des Leaf auf der nächtlichen Fahrt nach Hause. Hammer. So hell. Ist das echt so viel besser in Elektro-Autos? habe ich mich gefragt. Ich war wirklich schwer beeindruckt. Bis mich dann das zweite entgegenkommende Fahrzeug mit Lichthupe begrüsst hat. Ok. Ich habe dann auch herausgefunden, wie man das Fernlicht wieder ausschaltet. Auto-Blogger Jan im Einsatz, Bielefeld, abends um elf.

Elektroautos … Pah! So meine bisherige Einstellung. Ich muss einen Motor hören. Am besten aus 8 Zylindern röhrend. Rock’n’Roll! Aber während ich im Nissan Leaf über die Landstrasse daher gleite – Und ich meine das wirklich ernst. So ernst, dass ich selbst von mir überrascht bin. – stelle ich mir vor, dass alle Autos so leise durch die Gegend gleiten. Und ich mag den Gedanken. Es hat sowas friedliches. Wenn das die Zukunft ist, habe ich keine Angst mehr. Auch wenn ich bis dahin jede Minute mit Motoren, die fossile Brennstoffe vernichten, geniessen werde.

Reichweite: 170km – Pfff. Das ist doch nichts. So etwas setzt sich doch nicht durch. Der Alex hatte mir gesagt, ich solle die Heizung am besten auslassen, die würde zu viel Strom ziehen. Radio wäre ok. Jejeje. Einkaufswagenzurückschieber! Auf der Hinfahrt zu dem Italiener, wo ich zum Essen verabredet bin, ignoriere ich den ECO-Modus die erste Hälfte. Druck auf Gas(?)-Pedal. Los! Energie! Und sehe, wie die angegebene verbleibende Reichweite schrumpft.

Aber in dem Augenblick, wo ich meine „Alle Autos gleiten friedlich durch die Gegend“-Erkenntnis habe, ändert sich auch schlagartig mein Fahrverhalten. Ich spare Strom. Ich schalte in den Eco-Modus. Richtig, der Wagen zieht plötzlich nur noch halb so gut, aber im Ernst, ich bin ja nicht auf der Flucht. Und ich sehe mich im Auto um, was ich nicht brauchen würde, um Gewicht zu sparen. Auf welche der ganzen kleinen Annehmlichkeiten kann oder würde ich zugunsten einer höheren Reichweite verzichten. Das wäre mal ein hübsches Experiment. Elektrische Fensterheber hat der Nissan Leaf. Raus damit. Elektrisch verstellbare Spiegel. Ab damit. Entertainment-System mit grossem Touchscreen. Weg. Stattdessen eine Halterung für mein Smartphone mit abschaltbarer Stromversorgung.

Reichweite: 170km und wenn Du keinen Strom mehr hast, dann musste ne Halbe Stunden schnellladen. Wer will denn sowas bitte? Ich höre mich selber denken und finde, dass ich mich wie ein verzogenes Kind anhöre. Damals™ als ich noch jung war, haben wir über die Amerikaner gelacht. Drive-in Restaurant. Drive-in Kino. Drive-in Bank. Drive-in Kirche. Wenn man sich heute mal bei uns umguckt, haben wir ganz gut aufgeholt. Und betrachten das Auto, was wir täglich fahren und auch in der Form wie wir es nutzen als Selbstverständlichkeit. Und weil ich mich heute so schön visionär fühle, behaupte ich, dass sich dies ändern wird.

Auf dem Rückweg vom Restaurant – verdammt hatte sich das abgekühlt – habe ich die Heizung (und das Fernlicht) eingeschaltet. Die Reichweite halbierte sich plötzlich. Alsbald die Scheibe nicht mehr beschlagen war, habe ich die Heizung ausgestellt und bin fröstelnd durch die Nacht geglitten. Wenn ich überlege, wie oft ich in meinem ’normalen‘ Auto die Lüftung, Heizung, Sitzheizung laufen lassen, ohne auch nur einen Gedanken an den Mehrverbrauch zu verschwenden, dann habe ich jetzt ein ansatzweise schlechtes Gewissen.

Nissan Leaf – hat mich gestern bewegt.