Probefahrten
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Unterwegs im 2012 Mercedes-Benz E 300 BlueTEC Hybrid (W212)


Manche Testwagen haben es schwerer als andere. Hatte man erst ein schnittiges Coupé und steigt dann in einen Kleinwagen um, muss man seine Erwartungshaltung und Fahrweise zunächst einmal wieder einnorden. Am besten funktioniert dies, wenn man zunächst einmal wieder einen Tag seinen eigenen Wagen bewegt. Die E-Klasse, von der ich in diesem Beitrag berichten werde, hatte es aber gleich doppelt schwer. Auf dem Rückweg von der Fahrveranstaltung auf der ich fast 1.5 Tage in der AMG-Version des Mercedes-Benz CLS Shooting Brake Spass hatte, sind Jens und ich in Stuttgart aus dem Flieger gestiegen und haben eben jenen Mercedes-Benz E 300 Bluetec Hybrid mit nach Bielefeld genommen.

Ich hatte also erst just den Mercedes-Benz CLS Shooting Brake für mich persönlich als schönster Daimler der jetzigen Zeit gekürt und stand dann auf dem Werksgelände in Stuttgart vor der E-Klasse. Als Limousine. Hm. Ok. Plump wäre wohl zu hart formuliert, aber im direkten Vergleich zum CLS Shooting Brake wirkt die E-Klasse schon bieder. Dies wird sich vermutlich schon Anfang nächsten Jahres ändern, wenn Mercedes-Benz in Detroit auf der NAIAS 2013 die neue E-Klasse vorstellt. Und bieder ist auch nicht gleich hässlich. Nein, hässlich finde ich die E-Klasse nun wirklich nicht.

Genug geschwätzt, einsteigen bitte. Ahhh. Der Innenraum ist identisch mit dem CLS, absolutes Wohlfühlen stellt sich sofort ein. Aber – ich wiederhole mich gerne – die runden Lüftungsdüsen der neueren Mercedes-Benz-Fahrzeuge fehlen mir nach wie vor. Die eckigen Luftspender in CLS und E-Klasse sind nicht so meins. Das in Leder bezogene Gestühl fix elekrisch eingestellt, Blick nach vorne, … AAAAAhhhhhhhhh!!! Ein Stern! Ich bin mit einem W123 gross geworden. Ich selbst bin eine Weile einen 190 (W201) gefahren. Für mich gehört bei einem Daimler ein Stern auf die Haube. Auf den unterschiedlichen Fahrveranstaltung haben mich die Jungs von Mercedes-Benz mit ihren Antworten immer wieder runtergezogen. Neue B-Klasse / neue A-Klasse – Kompakte Daimler bekommen keinen Stern. Sl und SLK – Roadster bekommen keinen Stern. GLK / G-Klasse – Geländewagen bekommen keinen Stern. CLS – Sportcoupes bekommen keinen Stern. Manno. Nun aber. Endlich! Mein Stern! Was freue ich mich. Auch wenn der Stern deutlich schräger (oder auch windschnittiger) steht als bei den älteren Modellen, die ich so bewegt habe.

Schlüssel ins Zündschloss, drehen, hm. Geht nicht an. Also nochmal. Zurückdrehen. Vordrehen. Der Wagen will nicht anspringen. Jens auf dem Beifahrersitz lacht sich fast tot. Der ist an! Der startet im Elektro-Modus. Da hörst Du nichts vom Motor. Ähem. Richtig. Hinten an der Haube prangt an der rechten Seite ein Schriftzug. Bluetec Hybrid. Der eigentliche Grund, weshalb ich um das Fahrzeug gebeten hatte. Hybrid. Also neben einem 4-Zylinder-Dieselmotor (der 204 PS und 500 500 Newtonmeter Drehmoment mitbringt) auch noch ein elektrischer Antrieb (der leistet 20KW bei 250 Nm). Und eben nur der startet – wie ich mehrmals nacheinander feststellen durfte – wenn man am Zündschlüssel dreht – lautlos. Der Diesel setzt dann erst ein, wenn man das Gaspedal zu ungestüm nach unten tritt. Sonst kann man erst einmal ein paar Meter (maximal aber zwei Kilometer) elektrisch fahren – maximal jedoch 35 km/h schnell, sonst springt der Diesel ein.

Vorgestellt wurde der E300 BlueTEC HYBRID im Januar diesen Jahres in Detroit auf der NAIAS 2012, wo ich auch zugegen war, mein Augenmerk damals aber voll und ganz auf den neuen SL (R231) gelegt habe. Mittlerweile ist der Mercedes-Benz E 300 BlueTEC HYBRID als sparsames Oberklasse-Modell in die Energie-Effizienzklasse A+ (Jaja, das gibt es nicht mehr nur für Waschmaschinen und Kühlschränke, sondern auch für Autos) eingestuft und besitzt zudem das begehrte Umweltzertifikat des TÜV Süd. Wer den Hybrid statt den „normalen“ Diesel fahren will, muss 3.500 EUR mehr bezahlen. Dafür soll man mit dem Hybrid etwa 1.5 Liter (CDI: 5.5 | Hybrid: 4,2 l/100kmh nach DIN) Diesel auf 100 km/h gegenüber E 300 CDI weniger verbrauchen.

Beim aktuellen Diesel-Preis von 1.50 EUR/Liter kann sich also der ercedes-Benz E 300 BlueTEC Hybrid (W212) nach schon 233.333 km rechnen. Hm. Sieht man mal davon an, dass ein Mercedes-Benz Diesel nach 250.000 km gerade mal eingefahren ist, halte ich so ein Rechnung für absurd. Ich will hier nicht über die Unsinnigkeit vom DIN-Verbrauch schwadronieren, aber zumindest anmerken, dass er ja durchaus weltfremd ist. Wer auf dem Weg zur Arbeit stets im Stau steht, der kann sich ausmalen, dass er mit dem Hybrid weit mehr Diesel einsparen kann. Und vor allem auch seine Nerven schonen. Denn so schön Start-Stop-Automatiken auch sein mögen, mich nervt das ständige Anspringen. Dieses unterbleibt beim Hybrid im Stop-and-Go-Verkehr und das ist ungemein angenehm. Genauso angenehm ist es übrigens, morgens still und leise durch die Zone 30 zu rollen.

Das Fahren im Mercedes-Benz E 300 BlueTEC Hybrid fand ich zuerst sehr gewöhnungsbedürftig. Denn nicht nur beim Starten und losfahren schaltet sich der Elektroantrieb an. Auch auf der Autobahn verhält sich der Hybrid ein wenig anders als Autos, die man sonst so kennt und fährt. Bei Geschwindigkeiten bis 160 km/h kann man Segeln. Und nein, hier wird kein Mast ausgefahren und ein Leinentuch gehisst. Vielmehr schaltet sich der Diesel – sofern er nicht benötigt wird, bspw. im Tempomat-Betrieb wenn es bergab geht oder man genug Restschwung hat – ab und das Fahrzeug gleitet ohne Motorgeräusch weiter. Zeitgleich rekuperiert der E-Motor und lädt den Akku wieder auf. Rekuperiert. Gutes Verfahren, aber ein Wort dessen Schreibweise ich mir einfach nicht merken kann. Sehr vereinfacht gesagt, der Motor agiert als Dynamo lädt die Batterie.

Das Ganze funktioniert zwar prima, ich empfand das Anspringen des Motors zuerst aber sehr irritierend, wenn nicht sogar störend. Nach ein paar Tagen hat man sich aber durchaus daran gewöhnt. Zudem tritt spätestens dann dieser Sparfuchs-Effekt ein, bei dem man versucht, so umsichtig und verbrauchsorientiert wie möglich zu fahren.

Unser Verbrauch beim Mercedes-Benz E 300 BlueTEC Hybrid lag deutlich über der DIN-Angabe. 7.4 Liter haben wir durchschnittlich auf 100 Kilometern verbraucht. Denn das Segeln funktioniert eben nur bis 160 km/h. Wer aber am Abend möglichst fix von Stuttgart nach Bielefeld gelangen will, der tritt aufs Gas. Und darauf reagiert der Hybrid eben wie ein ganz normaler Mercedes-Benz E 300 CDI – er rennt los. Und verbraucht dabei auch mehr als 5 Liter. Dafür erreicht er dann auch sehr zügig die 200 km/h, seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei 242 km/h. Die 100 km/h-Marke knackt der Mercedes-Benz E 300 BlueTEC Hybrid in respektablen 7.2 Sekunden.

Alles weitere zum Fahrzeug entspricht eben dem hohen E-Klasse-Niveau. Großer Kofferraum. Komfortabler Innenraum mit ausreichend Platz für 5 Erwachsene. Und das ganze Gedeck an elektronischen Helferchen und Assistenten eben. Und einem Stern.

Ich habe meine Tage mit dem Mercedes-Benz E 300 BlueTEC Hybrid (W212) durchaus genossen. Ich würde, das nötige Kleingeld vorausgesetzt aber immer den Mercedes-Benz CLS vorziehen. Spannend bleibt, ob Mercedes-Benz diesen auch irgendwann als Hybrid anbietet. Weitere Stimmen zum Mercedes-Benz E 300 BlueTEC Hybrid könnt ihr im Mercedes-Benz Passion Blog und bei Jens Stratmann von Rad-ab.com lesen. Ein paar weitere Impressionen gibt es wie immer in der Galerie: