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Operation am offenen Herzen

Graue Wände, der rot-geflieste Boden und die glänzende Karosserie – schon der erste Blick in die Werkstatt des Stader Porsche-Enthusiasten Michael May lässt auf einen eher ungewöhnlichen Männerabend schließen. „Der Blaumann steht dir ausgezeichnet“, begrüßt mich Michael mit einem verschmitzten Lachen und weiter: „Dann wollen wir mal loslegen!“

Der Motor, das sagenumwobene Herz des Porsche 911 Typ 996 macht eigenartige Geräusche und pocht nicht so, wie es eigentlich müsste. Der Sechszylinder mit 180 Grad Zylinderwinkel – im Volksmund auch Boxer genannt – ist durchaus ein äußerst faszinierendes und emotional aufgeladenes Stück Automobilgeschichte. Genau aus diesem Grund wollte ich auch von Michael wissen, wie er sich fühlt, wenn er an solch einem Motor „herumschraubt“? „Das ist alles kein Hexenwerk“, so seine lockere Antwort.

Nach der Grundreinigung wurde der Motor ausgebaut und abermals komplett gereinigt. „Man sollte immer darauf achten, dass alles akkurat sauber ist“, entgegnete mir Michael und sogleich nahm ich noch einmal das Putztuch in die Hand.

Während der nachfolgenden systematischen Fehleranalyse erklärte mir Michael viele Einzelheiten sowie häufig auftretende Fehler bei einem 911er Porsche. Eines dieser weit verbreiteten Probleme von 3,2-Liter-911ern ist das Konstantfahrruckeln: Bei rund 120 km/h im dritten Gang und bei ca. 3.500/min tritt des auf. „Das liegt meist an der Einstellung des Grund-CO“, erklärt mir Michael und weiter: „Solltest du dir später mal einen 996 kaufen, so achte immer darauf, dass die Messung immer vor dem Kat erfolgt, sonst ist die Einstellung des Lambda-Wertes falsch.“ Gut zu wissen, denn vielen Werkstätten hier zu Lande sollen diesbezüglich unwissend sein und messen am Auspuffende.

Einige Zeit vergeht bis das breite Grinsen von Michael verrät: Wir haben‘s geschafft! Der Motor konnte für den Wiedereinbau vorbereitet und alle Öffnungen mit Klebefolie überklebt werden. Dies soll zum einen das ungewollte Eindringen von Fremdkörpern verhindern und zum anderen bei der Montage etwas vorteilhafter sein. „Alles fertig?“, fragte er mich und es konnte losgehen: Voller Körpereinsatz wurde geschoben, rangiert und gezielt. Dank Michaels Erfahrung und dem geschulten Augenmaß bestimmte er die genaue Positionierung und gab mir Anweisungen. Nach nur wenigen Minuten und dem Ansetzen der vier Schrauben war der Einbau abgeschlossen und die Leitungen und Schläuche konnten justiert und befestigt werden. „Schnapp dir mal den gelben Permanent-Marker und markiere die festgezogenen Schrauben.“, so Michaels Anweisung. Dies bedeutet im Porsche-Schrauber-Jargon, dass die Schrauben mit dem richtigen Drehmoment angezogen wurden – ein weiterer guter Tipp für jeden Porsche-Enthusiasten.

Es ist bereits mitten in der Nacht und endlich ist es soweit: Das drehen des Zündschlüssels sorgt für den nötigen Stromstoß. Der Sechszylinderboxer läuft an und das „Getöse“ raubt einem den Atem. Nach nur kurzer Zeit kommt Michael mit zwei Flaschen Bier hinter dem 911er hervor und begegnet mir mit breitem Grinsen: „Die Herzrythmusstörungen sind behoben, saubere Arbeit!“

Voller Stolz lassen wir uns auf einem Reifenstapel nieder und philosophieren über die Arbeit sowie den Porsche Mythos. Ein Männerabend der nicht hätte besser sein können, abgerundet durch folgendes Zitat: „Das ist mehr als ein Job, da steckt Unmengen an Herzblut drin.“