Probefahrten
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Angefahren: 2012 Cadillac ATS 2.0L AWD Premium AT

Cadillac. Lassen wir diesen Markennamen mal 2 Sekunden auf uns wirken. .. .. Lange und breite Schiffe, in den man eine Gegensprechanlage braucht, um sich mit dem Beifahrer zu unterhalten. Hubraum-Monster, die mindestens 40 Liter auf 100 Kilometer schlucken. So in etwa sind die weniger freundlichen Assoziationen mit dem Luxus-Label aus dem Hause General Motors.

Am Montag hat mir (und einer Reihe echter Motor-Journalisten) Cadillac Europe die neuste Schöpfung aus dem neuen Sortiment der Marke gezeigt – den ATS. Reinkarnation. Wiederauferstehung. Wiederbelebung. Solche Vokabeln hatte ich gehört. Cadillac möchte wieder in Europa Fuss fassen. Denn nur Luxusmarken, die sich in Europa bewähren, kann man in Asien an den Mann bringen.

Und so haben sie Ingenieure von Cadillac zwar in Michigan geschaffen, jeder soll aber aus das Label „tested and made for Germany“ lesen. Denn das ATS-Team hat einige Zeit in Deutschland, speziell am Nürburgring verbracht, um den jüngsten Spross der Cadillac-Familie für deutsche bzw. europäische Bedürfnisse anzupassen. Und man gibt sich auch wenig bescheiden. Die Konkurrenz benennt man mit C43, wobei das C für die Sternenklasse steht und die beiden Zahlen für die Fahrzeuge aus Ingolstadt und München. Da muss ich erstmal herzlich lachen.

Klar, ich mag amerikanische Autos. Ich mag die wirklich. Aber sich mit den großen Drei aus Deutschland messen zu wollen, soweit sind die Amis noch lange nicht. Der ATS überzeugt mich in den kommenden 2 Tagen vom kompletten Gegenteil. Die Amis sind viel weiter als ich mir hätte träumen lassen.

Eins der wichtigsten Design-Elemente eines Autos sind wohl heutzutage – neben der eigentlichen Linien der Karosse die Frontbeleuchtung. Jeder Hersteller versucht mittlerweile durch eine gelungene Anordnung von Fahrlicht-LEDs seinem Fahrzeug einen ganz unverwechselbaren Touch zu geben. Cadillac ist das beim ATS meines Erachtens wirklich sehr gelungen. Die senkrecht zur Strasse verlaufenden Lichtbänder, die mit einem Highlight oderhalb und drei Leuchtpunkten unterhalb der Stossstange wirklich markant aussehen, beeindrucken mich nachhaltig. Die Formsprache des ATS bezeichne ich als kantige Rundungen. Das Form wirkt fliessend und doch kantig. Oder um es abzukürzen – der Cadillac ATS ist ein echter Hingucker. Und ich finde ein paar von diesen Exemplaren würden unserem Strassenbild durchaus gut tun.

Aber der Cadillac ATS wird in Deutschland wohl erstmal ein vollkommener Exot bleiben. Zwar überzeugt die Qualität und Haptik der Innenausstattung durchaus und auch das auf Linux basierende Entertainment-Paket hat bei mir einen guten Eindruck hinterlassen, aber 14 Händler deutschlandweit stehen einer breiten Markteinführung erst einmal entgegen.

Zudem der ATS auch nur mit einer einzigen Motorisierung verfügbar sein wird. Eine 276 PS starken turbogeladenen Vierzylinder. Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Kein V8, kein V6, sondern ein ganz gewöhnlicher 4-Zylinder mit 2 Liter Hubraum. Zwar lies man durchblicken, dass auch noch ein Diesel angedacht ist, dessen Verfügbarkeit wird wohl aber erst in 3-5 Jahren erwartet. Und wenn man sich den ATS nun noch einmal ansehen, dann haben wir also einen 276 PS starken Beziner, der in einer Limousine verbaut ist. Also nicht gerade das, was man hierzulande ein Volumenmodell nennt.

Zumindest bei Antrieb und Getriebe kann man wählen. Zur Wahl steht ein reiner Hecktriebler oder eben ein Modell mit Allrad-Antrieb. Schalten kann man manuell – oder es die Automatik erledigen lassen. In beiden Fällen stehen 6 Gänge zur Verfügung. Gefühlt hat die Automatik aber eine deutlich angenehmere Übersetzung.

Bei der Bewertung von Fahrwerk und Motordynamik verlasse ich ja immer so leicht den Pfad meiner Kompetenzen. So habe ich diesmal eifrig gelauscht, was die Profi-Kollegen so alles erzählt haben. Und die waren begeistert. Sowohl vom Fahrwerk als auch vom Motor. Wer das ESP ausschaltet (Ich mache sowas nicht), kann wohl eine Menge Spass mit dem Fahrzeug haben. Das Gas zum Mitlenken benutzen. Und so.

Meine bescheidene Meinung. Das Fahrwerk hat 2 Abstimmungen: „Route“ und „Sport“. Ersteres würde ich mir noch ein bisschen komfortabler wünschen, beim Sportprogramm liegt der Cadillac ATS sehr schön auf der Strasse. Die Schaltung war mir ein Tick zu hakelig, auch würde ich mir im Fall eines Schalters auch kürzere Schaltwege wünschen. Die 6-Gang-Automatik hingegen fand ich einfach nur super. Vollkommen angenehm zum Cruisen. Und wenn man es eilig hat, drückt man fix aufs Gas und der ATS sprintet extrem fix los. Im Idealfall sprintet er von 0 auf 100 km/h übrigens in 6 Sekunden. Nicht ganz zu den sportlichen Fahreigenschaften will der Sound des Motors passen. Irgendwie erwartet man das Grollen eines V-Antriebs, der Ton des 4-Zylinders ist zwar zu keiner Zeit nervend, wie überhaupt die Geräuschkulisse im Innenraum bei allen Geschwindigkeiten sehr angenehm ist, aber auch nicht imponierend. Die Lenkung ist sehr direkt und mir persönlich im Geradeauslauf manchmal ein wenig zu sensibel. Aber als Fazit zum Fahren kann ich nur sagen: Der Cadillac ATS 2.0L macht richtig Spass.

Dem Entertainment-Paket, CUE steht für Cadillac User Experience, könnte man durchaus bei Zeiten und nach einem weiteren Test, einen eigenen Artikel spendieren. Bei Cadillac ist man auch reichlich stolz auf das System. Soweit ich verstanden habe, basiert es auf einem mit Linux betriebenen Tablet, was da in die Mittelkonsole eingelassen ist. Die Bedienung erfolgt über das Touchdisplay, per Spracheingabe oder über einige Tasten am Lenkrad. Die Spracherkennung hat mir durchaus imponiert, auch wurden die Befehle sehr fix umgesetzt. Das Navigationssystem kam nicht so 100%ig mit unseren Strassen zurecht. Macht aber nichts, denn das System lässt sich sehr einfach aktualisieren. Major-Updates spielt die Werkstatt ein, kleine Updates sollen auch automatisch oder zumindest vom Fahrzeug-Eigner durchgeführt werden.

Ein richtig gute Idee sind die Favoriten, die man belegen kann und die im unteren Teil des Displays angezeigt werden. Hier kann man einfach alles ablegen – egal ob Lieblingsradiosender, eine Navigations-Zieladresse oder eben eine Playlist der verbundenen iPhones. Letzteres liess sich übrigens spielend einfach an das System anschliessen. Nicht ganz überzeugen konnte man das verbaute BOSE-Soundsystem. Das sorgt zwar durchaus für gute musikalische Untermalung bei allen Geschwindigkeiten, mir war es aber zum Teil doch zu analytisch vom Klang.

Meine persönlichen Highlights des Cadillac ATS haben aber weder mit dem Entertainment-Paket noch mit den Fahrleistungen zu tun. Es sind einfach zwei nette, praktische Features, die den ATS meiner Meinung nach dann wieder zu einem echten Cadillac machen. Zum einen ist da eine Art Geheimfach, welches sich hinter den Bedientasten der Klimaanlage verbringt und auch noch eine blau illuminierten USB-Anschluss beherbergt. Zum anderen sind es die Türgriffe, die im Dunklen nach Betätigung der selbstverständlich fernbedienbaren Zentralverriegelung leuchten.

Mein Fazit nach den paar Kilometern durch den schönen Spessart: Cadillac – good Job!

Beim Kollegen Bjoern Habegger, mit dem ich mir den ATS bei der Ausfahrt geteilt habe, gibt es auch schon einen ersten Bericht. Und Jens Meiners hat den ATS auch schon gefahren und einen Beitrag für Rad-ab.com verfasst. Marion-Roman Lambrecht war einen Tag später vor Ort und ist den Cadillac ATS ebenfalls gefahren. Mein ganzen Bilder befinden sich untern in der Galerie und über diesem Absatz gibt es noch ein kleinen Youtube-Video.