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Zu Besuch im Ford Research Center in Aachen

Ford liess Buzzrider Robert Basic innerhalb von 20 Minuten 30 Jahre altern.

Ford – die tun was! Ich bin ja durchaus ein paar Tage älter und verbinde diesen Slogan immer noch mit dem amerikanischen Autobauer, von dem ich als Lütter immer dachte, es wäre auch ein deutsches Unternehmen. Ford – die tun was! In meinem Fall hat Ford mich und ein paar Kollegen eingeladen, mich ein wenig im deutschen Forschungszentrum von Ford in Aachen umzusehen. Ford – die tun wirklich was! Das kann ich jetzt auch bestätigen.

In Aachen entwickelt man seit 1994 fröhlich vor sich hin. Aus den 10 Mitarbeitern von dazumal sind mittlerweile 280 Forscher aus 25 unterschiedlichen Nationen geworden. Gerade Aachen bietet sich auch als Standort an – geografisch durch seine Nähe zu Belgien, im Speziellen Maastricht mit einer internationalen Schule, und Frankreich bietet der Standort den Vorteil, dass sich auch die Familien der internationalen Forscher sich wohl fühlen können. Zudem findet sich in Aachen mit der RTHW eine der renommiertesten technischen deutschen Hochschulen überhaupt, so dass man hier auch fleissig kooperieren kann.

Jens Stratmann im EKG-Sitz, trotz skeptischem Blick – das Herz schlägt.

Aus eben so einer Kooperation ist der EKG-Autositz entstanden. Die Funktion ist so banal wie der Name schon sagt – man kann im Auto sitzend ein EKG durchführen. Das ist erstmal kein technisches Hexenwerk. 5 Metallfläche, die im Idealfall in das Polster des Sitzes eingenäht sind, garantieren, dass mindestens 2 Kontaktplatten die Daten des Sitzenden auslesen können. Diese Daten können dann im ersten Schritt an einen Computer übergeben werden, der die Daten dann entweder direkt zum behandelnden Arzt übermittelt (ein EKG dauert 30 Minuten, warum dafür nicht die Zeit nutzen, die man im Auto sitzt, man kann doch eh nicht viel anderes machen) oder aber – weit spannender auch im Auto genutzt werden kann. In einem einfachen Szenario erkennt das System einen hohen Stresslevel beim Fahrer und empfiehlt ihm zaghaft eine Pause einzulegen oder schaltet alternativ System wie Mobiltelefon ab oder Musik leiser. Bei gefährdeten Personen kann man sich auch vorstellen, dass das System im Falle eines Infaktes das Auto autonom zu sicheren Stillstand bringt. Oft haben wir ja in den letzten Monaten von schlimmen Unfällen gelesen bei denen vermutet wird, dass der jeweilige Fahrzeuglenker einen Infakt hatte und so die Kontrolle über das Auto verloren hat. Richtig spannend finde ich aber nicht den Sitz als solches, sondern die Idee, die dahinter steckt. Ford will keine medizinischen Instrumente bauen, schaut und forscht aber, was das next big thing im automobilen Sektor werden könnte. Und heute versuchen wir doch alle, gesünder zu leben. Wenn uns das Auto dabei unterstützt – bitte, gerne, danke!

Nein, falsch geraten. Robert Basic (links auf dem Bild) versucht nicht neuerdings als billige, kroatische Kopie von Iron Man Karriere zu machen. Als Freiwilliger unserer Gruppe liess er sich von den freundlichen Ford-Mitarbeiterinnen in den Altersanzug (Third Age Suit) zwängen.

Entwickelt hat diesen Ford in Zusammenarbeit mit einer britischen Universität und seit 1994 wird er von Ford genutzt, um bestimmte Fahrzeugkonzepte oder Bedienelemente auf ihre Tauglichkeit für Senioren zu überprüfen. Wer in den Anzug schlüpft, altert innerhalb von 30 Minuten um knapp 30 Jahre. Durch die unterschiedlichen Bandagen wird die Beweglichkeit der Gelenke eingeschränkt. Herrkömmliche Latex-Handschuhe hemmen das Gefühl in den Fingerspitzen. Unterschiedliche Brillen, die zusammen mit einer Augenklinik gemeinsam entwickelt wurden, können diverse Augenkrankheiten simulieren.

Die Lebenserwartung steigt und somit werden auch die Autokäufer immer älter. Hingegen sind die Ingenieure meist deutlich jünger, und damit sich eben diese auch in Lage von älteren Auto-Käufern versetzen können, hat man diesen Anzug entwickelt und nutzt ihn nicht nur in der Forschung sondern eben auch in der Fahrzeug-Entwicklung. Robert fand die ersten Minuten des Einkleidens noch ganz witzig. Mit voranschreitender Zeit sank seine Laune aber deutlich. Die Einschränkungen mit denen er durch den Anzug zu kämpfen hatte, sah man sehr deutlich, als er versuchte von einem Sofa aufzustehen, auf das er sich kurz gesetzt hatte. Gleiches galt dann für das Ein- und Aussteigen aus dem Ford Focus, wie das erste Foto dieses Beitrages sehr nett illustriert.

Im Anschluss an diese nette Präsentation durften wir in zwei Erprobunsgfahrzeugen von Typ Ford S-Max Platz nehmen. Car 2 Car Communication war das Thema. Richtig, die Autos der Zukunft werden sich untereinander unterhalten. Einen ersten Standard gibt es dazu auch schon, entwickelt und verabschiedet vom Car2Car Communication Consortium, einem Zusammenschluss vieler europäischer Hersteller (in Nordamerika und Asien gibt es andere Entwicklungen). Die Autos kommunizieren mittels eines modifizierten WLAN-Protokolls mit einander. Ein linuxbasiertes System dient als Steuereinheit, die den Funkverkehr auswertet. Aktuell wird von jedem Fahrzeug an jedes Fahrzeug in Empfangsnähe ein etwa 100 Byte grosser Datenschnipsel bei einer Frequenz von 10 Hertz übertragen – als Basisinformation. Dazu kommen dann noch die Meldung, die das System so interessant machen (und dann auch ein wenig mehr Inhalt haben): Fahrzeug A macht eine Vollbremsung. Es übermittelt diese Information an Fahrzeug B, das ggf. autonom reagieren kann oder aber zumindest den Fahrer warnen kann. Dies ist dann immer interessant, wenn Fahrzeug A sich hinter einer Kuppe oder Kurve befindet, oder sich zwischen den beiden Fahrzeugen noch ein Drittes befindet, welches Fahrzeug B die Sicht versperrt.

Gerade bei Meldungen, die beim Empfänger-Fahrzeug ein autonomes Eingreifen des Fahrzeugs selbst bewirken ist natürlich noch eine Menge an Arbeit zu leisten. Man kann sich vorstellen, dass so auch subversive Kräfte ein Signal einschleusen könnten, um eine Fahrzeug zum eigentlich ungewollten Bremsen zu zwingen. Bedenken, was die Verletzung der Privatsphäre angeht, berücksichtigt man auch. Derzeit wird der ID jedes Senders alle 10 Minuten geändert, so dass man nur bedingt eine öffentlich lesbare Datenspur hinterlässt.

Bis die ersten Systeme wirklich Einzug in unsere Autos halten werden, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern und es ist zu erwarten, dass diese auch erst einmal nur Daten austauschen und den Fahrer warnen. Allerdings gibt es im Frankfurter Raum schon heute einen ersten Piloten, bei dem 120 Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller durch die Gegend fahren und sich dabei unterhalten.

Ein ganz andere Technik konnten dann einige von uns im Fahrsimulator erleben: den Ford Traffic Jam Assist. Jeder kennt es. Man steht im Stau. 2 Meter fahren. 2 Minuten warten. Kurz E-Mails checken, da hupt auch schon einer. Also wieder 5 Meter nach vorne. Verdammt, warum schert der Idiot plötzlich in meine Bahn? Der übliche Ärger auf Deutschlands Autobahnen – man steht im Stau. Irgendwie verdammt langweilig und doch muss man sich stehts konzentrieren. Der Ford Traffic Jam Assist will den Fahrer nun im Stau entlasten. Mit Hilfe diverses Assistenz-Systeme, die heute schon verfügbar sind, die nun aber zusammen geschaltet werden, übernimmt das Auto die Kontrolle im Stau bzw. Stop-and-Go Verkehr. Es hält automatisch den Abstand zum Vordermann, schliesst immer auf, wenn es mal wieder etwas voran geht und hat dabei auch noch die Chaoten „im Blick“ die meinen, das Spuren-Hopping würde sie wirklich schneller ans Ziel bringen.

Ist das Stau-Ende erreicht, übernimmt der Fahrer wieder die Kontrolle – ist dann aber mit Sicherheit ausgeruhter und weniger gereizt. Eine prima Sache. Notiz an mich, ein Stichwort zu diesem Thema ist GVD, was für group-velocity dispersion steht und im Deutschen Dispersion der Gruppengeschwindigkeit bedeutet.

Stolz hat uns einer der Ford Entwickler das Kontakt Temperatur Messgerät, eine Eigenentwicklung von Ford präsentiert. Jeder kennt es, kaum jemand macht sich Gedanken darüber – in einem Raum herrscht eine konstante Temperatur, aber je nachdem welche Gegenstände man anfasst, kommen diese einem kühler (zB Metall) oder wärmer (zB Styropor) vor. Das Ganze hat mit der Wärmeleit- und Absorbationsfähigkeit der unterschiedlichen Werkstoff zu tun. Der Einsatz-Zweck bei einem Autohersteller ist einfach: Auf der einen Seite wollen wir Kunden hochwertige Werkstoff im Innenraum der Fahrzeuge erleben, auf der anderen Seite sollen die Fahrzeuge immer leichter werden, um die Umwelt zu entlasten. Hat man also beispielsweise Alu-Zieleisten im Auto, so sollen die sich beim Anfassen kühl wie Aluminium anfühlen, aber möglichst leicht wie Plastik sein. Also wird auf das Plastik eine Aluminiumschicht aufgetragen. Mit dem Kontakt Temperatur Messgerät kann man nun prüfen, ob sich das beschichtete Werkteil schon wie Aluminium anfühlt oder aber ob ggf. eine dickere Beschichtung verwendet werden muss.

Eine ähnliche Aufgabe erfüllt der Haptik-Roboter RUTH, ebenfalls ein Ergebnis der Forschungsarbeit bei Ford. Man suchte eine Möglichkeit, um zu objektiv zu messen, ob man bei der Bedienung eines Elementes im Auto den Eindruck hat, dass es sich um ein hochwertiges Element handelt. Dazu wurden/werden in einer Kundenklinik (so heisst es, wenn man sich eine Gruppe Normalsterblicher einlädt und diese etwas testen lässt) diverse Bedienelemente von den Probanden bedient und anschliessen bewertet. Der Hauptik-Roboter RUTH bedient die gleichen Elemente und zeichnet dabei auf, wie viel Kraft er zum Bedienen benötigt, was für ein Geräusch der Schalter verursacht usw. Die Eindrücke der Probanden und die Messergebnisse des Roboters kann man dann in einer Gleichung verwenden. So lehrt man die Maschine quasi, wie sie eine hochwertiges Bedienelement erkennen kann.

RUTHs kann dabei auch in ein Auto gesetzt werden und dort Messungen vornehmen. Zudem ist die Programmierung des Roboters schnell umzusetzen, so dass Ford eine Menge Messdaten innerhalb kürzester Zeit erheben kann, die dann wiederum in die Entwicklung einfliessen.

Als Abschluss unseres Besuches hatten wir dann noch die Gelegenheit den Ford Focus Electric, der nächstes Jahr bei uns verfügbar sein wird, eine Runde um den Block zu fahren, eine weitere Runde mit dem Ford Focus 1.0 EcoBoost (hier ein Beitrag von Marco zu dem Fahrzeug). Dazu werden ich bei nächster Gelegenheit noch einen „Angefahren“-Beitrag zu verfassen.

Zum Abschluss noch ein paar Bilder in der Galerie und eine Linksammlung zu den Beiträgen der anderen Bloggern, die mit mir zusammen bei Ford waren: