Probefahrten
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Mit dem Land Rover Defender 110 Crew Cab durch den Sandkasten für große Jungs

Damals™ als ich noch ein kleiner Junge war und Tabak-Werbung noch so natürlich war, wie das Samstägliche Autowaschen im Freien, da bekam ich anhand der zwei Wörter Camel Trophy regelmäßig feuchte Augen. Wenn ich groß bin, dann mache ich da auch mal mit! Ganz einfacher Plan. Groß bin ich nun schon ein paar Jahre und die letzte Camel Trophy fand 1989 statt.

Vier Jahre später greift eine Agentur das Konzept auf und bietet unter dem Namen Land Rover Experience ein ähnliches Programm an. Im nächsten Jahr feiert man das 10jährige Jubiläum mit einer Route auf den Pfaden der ehemaligen Seidenstrasse – mit einem Trip von Deutschland nach Mumbai in Indien. Neben solchen Reise betreibt das Unternehmen in Wülfrath den wohl größten Männer-Sandspielkasten Deutschlands.

Das Land Rover Experience Center befindet sich auf einem ehemaligen Steinbruch der Rheinkalk. Auf 120.000 qm hat man aus rund 800 Tonnen Sand und mehr als 2.500 Tonnen Steinen einen Offroad-Gelände-Parcours mit 45 anspruchsvolle Hindernissen und Passagen geschaffen, auf dem die Flotte von Land Rover zeigen kann, dass die Fahrzeuge nicht, wie ihre Anwesenheit in den Strassen von Düsseldorf und München vermuten lässt, als Edel-Lifestyle-Fahrzeuge geschaffen wurden. Vielmehr ist jedes Fahrzeug – vom Land Rover Defender, von dem man ja nichts anderes erwartet, bis zum Range Rover so ausgelegt, dass man mit den Fahrzeugen durch jedes Offroad-Gelände steuern kann.

Und auf jedem Gelände begrüsste mich – und einige andere Blogger – das Presseteam von Land Rover zu einem eintägigem Event, bei dem wir die Möglichkeit hatten, den kompletten Fuhrpark der Marke, ja sogar die just in Paris vorgestellten neuen Range Rover, über Stock und Stein, aber auch auf der Strasse zu fahren. Während viele meiner Kollegen versucht haben, möglichst jedes Auto aus der Modellpalette ein Mal zu fahren, habe ich mich auf ein einziges Fahrzeug konzentriert und mit damit einen anderen Kindheitstraum erfüllt: ein Mal einen “Landy” fahren!

Kurzer Einwurf: Wie schreibt man Land Rover denn nun richtig?
Ich tue mich selbst immer schwer. Land Rover? Land-Rover? Landrover? Wer sich heute immer noch der neuen deutschen Rechtschreibung verweigert, darf auch gerne die letzten beiden Varianten nutzen, historisch bedingt: Bis 1980 wurde der Name mit Bindestrich, also “Land-Rover”, oder in einem Wort (“Landrover”) geschrieben. Seit 1980 ist die offizielle Schreibweise in zwei Wörtern ohne Bindestrich. Land Rover! Haben wir das auch geklärt. Bis 1989 bezeichnete “Land Rover” übrigens nicht nur die Marke sondern auch gleich das Modell mit. Es gab nämlich nur einen Land Rover (seit 1947) und einen Range Rover (seit 1970). Mit dem neuen Modell Discovery musste man dann auch für den ursprünglichen “Land Rover” einen Namen finden – das tat man – seit 1989 heisst das unverwüstliche Auto Defender!

Zwei Land Rover Fahrzeuge vom Typ Defender stehen unserer Gruppe in Wülfrath zur Wahl. Ein Land Rover Defender 130 Station Wagon und ein Land Rover Defender 110 Crew Cab. Beim Defender steht die begleitende Zahl nicht wie bei anderen Herstellern für ein Motoren-Merkmal. Hier unterscheidet man lediglich den Radstand in Zoll (90″ = 236cm, 110″ = 279cm, 130″ = 323cm). Die Motorisierung ist bei allen Fahrzeugen die gleiche: es werkelt seit 2011 ein 2.2 Liter Diesel mit 122 PS, der den Land Rover Defender 110 Crew Cab mit seinen 2 Tonnen Leergewicht in nicht ganz 16 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei 144 km/h abgerebelt.

Da der Defender 130 auf Alu-Felgen steht (optionales Zubehör), kommt für mich eigentlich nur der Land Rover Defender 110 Crew Cab in Frage. Auch ohne die aufpreisplichtige Plane () – oder vielleicht auch gerade deswegen – sieht er schon schnuckelig und gleichzeitig selbstredend hochmännlich aus. Statt im klassichen Keswick Green, ist der Defender in Tamar Blue lackiert, dazu ein weisses Dach.

Ok, also erstmal ab auf die Strasse. Dass der Defender im Gelände gut abschneidet, stelle ich erst gar nicht in Frage. Mich interessiert, wie man so einen Geländewagen im Alltag bewegen kann. Dazu bleibt mir leider nur eine halbe Stunde Zeit. In denen mich der Land Rover Defender 110 Crew Cab aber durchaus überrascht. Zunächst einmal ist er im normalen Strassenbetrieb deutlich leiser in der Fahrgastzelle, als ich mir das vorgestellt habe. Das optionale Alpine-Radio, was auf Wunsch mit einer Bluetooth-Freisprechanlage daherkommt, plärrt fröhlich die Musik aus den Boxen. Nein, der Klang ist nicht fantastisch, passt aber zum Landy. Die Qualität der Freisprechanlage ist ausreichend. Für den Alltagsgebrauch ist beides durchaus zu gebrauchen. Die Sitzheizung wärmt die Teilleder-Bestuhlung alsbald angenehm auf und auf den Gestühl sitzt man auch gut. Die Federung ist weit besser als ich es gedacht hatte. Schneller als 144km/h kann man bzw. darf mit dem Land Rover Defender 110 Crew Cab nicht fahren. Bis 120 km/h bin ich selbst gekommen und fand das Fahren durchaus angenehm bis unterhaltsam. Auf den nassen Herbststrassen habe ich hin und wieder mal das Heck kommen gespürt. Zu keinem Zeitpunkt war es aber kritisch. Und unsicher habe ich mich schon gar nicht gefühlt.

Der minimale Wendekreis beträgt beim Land Rover Defender 110 Crew Cab ganze 13 Meter – bei 235″ Bereifung sogar fast 15m. Das ist alles andere als handlich. Man versetze sich nur zurück in den Sommer und schaue einmal zum 10m-Sprungbrett im Freibad hinauf und dann nochmal zum 5er. 15 Meter, das ist wirklich nicht wenig. Das heisst als beim Einparken immer mal wieder ein wenig mehr kurbeln und beim Abbiegen setzt man in schmalen Gassen auch ein Mal mehr zurück. Im Alltagsverkehr auf deutschen Strassen hatte ich aber keine Probleme. Direkt ist die Lenkung aber auch nicht gerade. Nach ein paar Minuten Einfahrzeit hatte ich mich aber mit dem Wagen angefreundet.

Was mich beim ersten Probesitzen beim Händler vor Ort vor 2 Jahren schon richtig irritiert hat, ist das Platzangebot im Land Rover Defender 110. Du ziehst Dich auf den Fahrsitz und beim ersten Tür zuschlagen, läufst Du Gefahr, die den linken Ellenbogen zu prellen. Während Du nach rechts gefühlt 5 Meter Platz zum Beifahrer hast, endet Dein Platzangebot auf der linken Seite an Deiner Schulter. Für den linken Arm ist kein Platz vorhanden. Jemand sagte mir, dass das so gar nichts ausmacht, weil man den Landy eh mit offenem Fenster bewegt. Finde ich im Winter aber nicht zu erstrebenswert. Die Begründung liegt in der Historie des Geländefahrzeugs. Oder auch seiner eigentlichen Bestimmung. Der Land Rover Defender ist ein geländegängiges Arbeitsgerät. Punkt. Und damit man schnell mal sehen kann, wie es um das linke Vorderrad steht, muss man sich also nicht abschnallen und halb auch dem Auto hängen, sondern beugt nur kurz den Kopf aus dem Fenster. Das geht prima.

In der hinteren Sitzreihe ist im Verhältnis zu den Ausmassen des Landys auch wenig Platz. Für kleine Kinder ist es nicht schlecht, weil man recht hoch sitzt. Ein normal gebauter Mensch wie ich, guckt hinten sitzend aber nicht nach draussen, sondern auf der oberen Türholm. Die Sichtfenster im Dach spenden also nicht nur einen Hauch mehr Licht in den Innenraum, sondern lassen den Erwachsenen im Fond auch noch etwas von der Umgebung draussen sehen. Störend fand ich im Fond sitzend ebenfalls, dass ich meine Füsse nicht unter den Vordersitz schieben konnte. Man sitzt also nicht wirklich komfortabel hinten.

Hat man sich als Fahrer mit dem “linke Schulter lehnt an Tür” (hier erzählte mir der Instruktor, dass dies auch durchaus so gedacht ist, weil man so deutlicher spürt, was das Auto gerade so tut, man verbindet sich also über die Schulter mit dem Fahrzeug) arrangiert hat, ist es auf dem Fahrsitz nicht unbequem. Die Bedienungselemente sitzen alle praktisch (wirklich zum Teil aggressiv praktisch – Du kannst den Zündschlüssel nicht abziehen, ohne vorher das Licht auszuschalten!) und der Wagen ist auch nicht wirklich unübersichtlich (Ok, ich habe nicht einmal rückwärts einparken müssen). Wer sich bei seiner ersten Landy-Fahrt nicht gleich blamieren will, sollte abspeichern, dass sich der Handbremshebel rechts am Mitteltunnel im Fussraum befindet.

Mit etwas zeitlicher Zäsur drehe ich wieder den Zündschlüssel. Diesmal sitzt ein Fahrinstruktor neben mir, denn jetzt geht es durch einen Parcours des Land Rover Experience Centers. Steigungen bis 45° erklimmt der Land Rover Defender 110 wie eine Bergziege. Die Bodenfreiheit bis zu den Achsen beträgt 25cm, Gewässer bis 50cm Tiefe kann man mit dem Landy problemlos durchqueren. Eine halbe Stunde darf ich den Geländewagen durch den Parcours steuern und bin doch – obschon ich eh schon eine hohe Erwartungshaltung hatte – begeistert.

Interessant fand ich – wie ich fahren musste. Es fängt damit an, dass man im Gelände nicht mit den Daumen das Lenkrad umschliesst, sondern die Daumen auf dem Lenkrad ablegt. Denn problemlos kann ein Hindernis so ruckartig an der Lenkung reissen, dass man sich den umschliessenden Daumen bricht. Autsch. Sofort gemerkt und verstanden. Weiter hatte ich die romantische Vorstellung in hoher Geschwindigkeit zu Schlammfelder zu rasen. “Im Gelände gibt es keine Geschwindigkeit, da messen wir in Betriebsstunden” erklärt mir mein freundlicher Instruktor. Und so werden die Hinternisse und Abfahrten im ersten Gang absolviert. Lediglich bei einer Bergauffahrt, darf es dann im zweiten Gang auch mal ein wenig mehr Gas sein.

Spass hatte ich. Und den Landy habe ich nun auch kennen- und schätzen gelernt. Ein Land Rover Defender 110 Crew Cab mit vergleichbarer Ausstattung habe ich mir eben im Konfigurator für unter 37.000 Euro inklusive Mehrwertsteuer zusammen geklickert. Mein persönliches Traum-Fahrzeug in diesem Segment, der Mercedes-Benz G 300 CDI Professional Pur kostet in der PUR-Grundausstattung 76.000 Euro. Und nein, das ist kein Zahlendreher.

Der Verbrauch des Defender ist im übligen Mix vom Hersteller von 11.1 Liter / 100 Kilometer angegeben. Es gibt viele Autos, die mit weniger auskommen und dabei noch schneller sind.

Ich denke, generell gibt es drei Sorten von Defender-Fahrern. Einmal gibt es Leute, die so ein Auto jeden Tag wirklich brauchen. Dann gibt es Leute, die eben nichts anderes kaufen können, weil es Ihnen im Blut liegt. Und dann gibt es eben Spinner wie mich, die sich dem Charme eines solchen Fahrzeugs nicht wirklich entziehen können. Wer noch einmal einen Defender sein Eigen nennen will, muss sich sputen. Der Geländewagen erfüllt nicht mehr die EU-Anforderungen in Sachen Sicherheit (nicht der Passagiere, sondern derer, die man ggf. umfährt) und somit ist 2015 Schluss mit dem Verkauf. Ober aber man bedient sich auf dem Gebrauchtwagen-Markt. 75% aller jemals gebauten Defender leben heute noch, so sagte man uns. Und die Ersatzteilversorgung wäre halt mehr als nur gut.

Mein Fazit: Der Land Rover Defender 110 Crew Cab ist ein Auto mit ganz besonderem Charme, welches man liebt oder nicht. Wenn man es liebt, dann kauft man es. Vernünftige Gründe sollte es zumindest in unserem Breiten kaum geben, sich so einen Offroader zu kaufen. Emotionale Gründe bietet der Landy einige.

Als ich den Defender auf der Strasse bewegt habe, sass neben mir – mal links, mal rechts – Fabian Mechtel, der ebenfalls seine Sicht in Worte gefasst hat. Weitere Impressionen und allerlei Detailfotos finden sich in der nachstehenden Galerie: