Probefahrten
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Bella macchina? Probefahrt mit dem 2012 Alfa Romeo Giulietta 1.4 Liter 16V


Ich bin kein Freund vom Älter werden, wirklich nicht. Aber einen klitzekleinen Vorteil hat das Ganze schon – ich kann doch ziemlich oft einen Satz mit „Damals“ anfangen. Also: Damals™, und zwar soweit zurück, dass meine Erinnerungsvermögen nicht reicht, also die ersten beiden Jahre meines Lebens bin ich Alfa gefahren. In einem Alfa Guilia um genau zu sein. Irgendwann – ein paar Jahre später bekam ich das Holzlenkrad geschenkt, was einst in den Wagen eingebaut werden sollte, für mein Kettcar. Ich hatte keine Ahnung und wusste damals nicht mal, dass es sowas wie Schweissgeräte gab, so dass ich das Lenkrad nur auf das Gestänge des Kettcars gesteckt habe – die Verzahnung passte nicht so wirklich, gerade bei Bergabfahrten war das eine ziemlich gefährliche Kombination. Nichtsdestotrotz, vielleicht aber auch gerade deswegen – wer hatte schon ein Kettcar mit Alfa-Holzlenkrad, bin ich dem italienischen Autobauer gegenüber immer sehr gewogen gewesen. Selbst in den Jahren 1985-1994, wo unter dem Dach von Fiat meines Erachtens vollkommen hässliche und überflüssige Exemplare entstanden sind. Selbst vor dem Alfa Spider haben sie damals nicht Halt gemacht und aus einem wunderschönen Auto eine Plastikwanne gemacht (Ich selbst bin ein paar Jahre eine ’89 Gummilippe fahren).

Als dann 1997 der Alfa 156 vorgestellt wurde, habe ich getanzt. Was für ein wunderschönes Auto. Endlich wieder ein Alfa! Jüngere Leser werden das verstehen, wenn sie sich den Unterschied zum Alfa 155 ansehen. Seitdem baut Alfa wieder Auto, die mich emotional ansprechen, selbst mit dem Spider 939 konnte ich mich anfreunden. Getrübt wurde meine Freude über das schöne Design des 156 allerdings als ihn unsere Firma nach einem VW Bora 1.0 TDI (meines Erachtes eines der besten Diesel-Autos seiner Zeit) den 156 als 2.4 Liter Diesel angeschafft hatte. Der Wagen hatte einen Wendekreis, der einfach nicht akzeptabel war und der Motor war mit seinen 136-Diesel-PS nicht wirklich würde, das Alfa-Badge zu tragen. Eine ehemalige Kollegin besuchte mich dann wiederum eines Tages mit ihrem neuen Firmenwagen, einem Alfa 147, bei dem als Benziner dann auch wieder Alfa-Gefühle aufkamen. Und den 147 mag ich nach wie vor vom Design her wirklich gerne.

Etwa 10 Jahre später steht nun eine rote Alfa Romeo Giulietta vor meine Einfahrt. Höchste Zeit, mal wieder emotional zu werden:


Kurz darf ich noch einwerfen, dass der Name Giulietta eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Schon zwei Fahrzeuge durften diesen Namen tragen. Due erste Giulietta wurde Mitte der 50iger gebaut und ist eine Ikone. Die Zweite ignoriere ich mal, hey – die Keilform war damals hipp, aber eben nicht meins. Und die Dritte – das aktuelle Modell – bin ich eben just gefahren.

Zuerst einmal präsentiert sie sich im feinsten Alfa-rot. Geschmäcker sind verschieden, ich finde die Giulietta ziemlich schick, im roten Gewand auch durchaus sportlich schick. Mein Highlight sind die Rückleuchten – vor allem in der pechschwarzen Nacht, wenn man ausser den Leuchten sonst nichts erkennen kann. Der 1.4 Liter-Benziner unter ihrer Haube leistet 170 PS. Kein Rennwagen für die Autobahn, aber allemale genug Pferdchen, um „ein wenig“ Spass beim Fahren zu haben. Der Innenraum begrüsst mich mit einer hellbrauen-, fast caramel-farbigen Lederausstattung, die sehr schön mit dem roten Lack harmoniert, wie ich finde. Ich rutsche auf den elektrisch verstellbaren Fahrersitzt und halte inne. Automatik? Automatikgetriebe in einem Alfa? Man möge mir das nachsehen, ich begegne dem Alfa auf einer höchst emotionalen Ebene, darum die lange Vorrede. In einen Alfa gehört doch keine Automatik, oder? Auch wenn ich persönlich eigentlich am allerliebsten Automatik fahre. Während ich versuche, mich von dem Kulturschock zu erholen lasse ich meinen Blick über meinen „Arbeitsplatz“ schweifen. Ja, das ist schon alles Alfa. Die Bedienelemente sind alle dort, wo man sie in einem deutschen Auto nicht unbedingt vermutet und teilweise merkwürdig beschriftet. Nicht ganz so italienisch, wie man das aus älteren Fahrzeugen kennt, aber eben mit diesem besonderen Charme. Vor dem Wahlhebel der Automatik befindet sich ein seltsamer silberner Schalter, der sich später als Spassbringer erweisen wird. In der Mitte des Armaturenbretts findet sich das Display des Infotainmentsystems, was sich aufstellt, als ich den Zündschlüssel (einer der schönsten Autoschlüssel, die ich seit langem in der Hand hatte) nun endlich drehe.

Schon auf den ersten Kilometern zeigt sich die Automatik als angenehm unauffällig. Lediglich Schaltwippen am Lenkrad vermisse ich, die sind nur optional zu haben und meine Giulietta hat keine spendiert bekommen. Wer die Gänge also manuell wechseln möchte muss die Hand vom Lenkrad nehmen. Bielefeld zeigt sich in diesen Tagen nicht von seiner schönsten Seite. Es ist bitterkalt und nass. An einem Tag habe ich sogar ein wenig Schnee. Was mich zu dem silbernen Spassschalter bringt. Über diesen Schalter kann man die Fahreigenschaften der Alfa Romeo Guilietta verändern. Im Modus „Normal“ bewegt man sich tagein tagaus. Wenn man aber das feurig-italienische Temperament wecken und nutzen möchte, zieht man den Schalter und begibt sich in den Sportmodus. Das Fahrwerk wird schlagartig deutlich (!) härter, die Lenkung direkter und der Motor zeigt sich sofort von seiner sportlichsten Seite. Angepasst werden ebenfalls die Eigenschaften von dem elektronischen Differential und das elektronische Stabilitätssystem. Wer mag kann sich die Motorleistung dann auch noch mit zwei farbigen Balken auf dem Display anzeigen lassen. Dazu gibt es noch eine dritte Programmstufe, die für schlechtes Wetter und Schnee ausgelegt ist. Jens war ja von den Schnee-Eigenschaften der Guilietta ganz hin und weg.

Fahrspass? Da kommt ein großes grünes Häkchen dran. Die Guilietta lässt sich sportlich fahren, im Sportmodus ist auch die Geräuschkulisse entsprechend modifiziert (zumindest so meine subjektive Wahrnehmung), und macht dabei auch eine ganze Menge Spass. Zurück in „Normalen“ Modus zeigt sie sich als spritziges Stadtauto, was deutlich sichtbar die Damenwelt anspricht. Der Jan ist also zufrieden, was sagt der Vater in mir? Der Nachwuchs hat im Fond ausreichend Platz und kann sich dank fester Gurtpeitschen auch problemlos selbst anschnallen. Der Kofferraum ist mit 350 Litern nicht gerade üppig, die Guilietta ist aber auch „nur“ ein Kompaktwagen, somit ist er ok, die Rücksitzbänke lassen sich bequem umlegen, so dass man bei Bedarf das Ladevolumen erhöhen kann. Für uns als 4köpfige Familie wäre die Guilietta zu klein als „Hauptauto“, als Zweitwagen auch durchaus interessant – zumal meiner Frau ihr Temperament durchaus zugesagt hat.

Missfallen hat mir das kleine Display zwischen den Rundinstrumenten. Rote Schrift auf dunklem Grund ist eh schon schlecht zu lesen. Wenn man dann noch in manchen Fällen die Schrift aus der inversen Darstellung entziffern muss, geht bei mir gar nichts mehr. Auch, dass die Parkhelfer sich nicht im Display des Infotainment-Pakets bemerkbar machen, sondern eben in dem kleinen Display ist meines Erachtens nicht mehr zeitgemäß. Das Navigationssystem war ok, das Infotainmentsystem nicht schlecht.

Mein Fazit: Die 2012 Alfa Romeo Guilietta 1.4 Liter 16V ist ein Auto, was Spass macht. Ein Alfa, der mich emotional erreicht hat. Mit dem Sportschalter hat man durchaus die Wahl gesittet durch die Stadt zu fahren oder es auf der Landstrasse mal krachen zu lassen.

Mit dem kleinen 105PS Benziner ist die Guilietta schon unter 20.000 Euro in der Basis-Ausstattung zu haben. In der von uns gefahrenen Version mit 170 PS, Automatik-Getriebe und Lederausstattung bewegt man sich aber jenseits der 30.000 Euro.

Jens hat natürlich auch seine Bericht zur Guiletta geschrieben. Sebastian ist sie mit dem 2 Liter Turbodiesel gefahren. Weitere Bilder wie immer in der nachstehenden Galerie.