Unterwegs in DEM Hybrid schlechthin: 2012 Toyota Prius Plus Life

In den USA gibt es eine eigene Witzkultur über den Toyota Prius. Verständlich – in dem Land, in dem alles, was keinen V8 im Motorraum hat, als untermotorisiert gilt, war der Toyota Prius als Hyrid-Fahrzeug bei seiner Einführung um 2000 schon eine Art Fahrzeug vom anderen Stern. Aber gerade die USA zählen neben Japan zu den größten Prius-Märkten. Eine gute Freundin von mir in den Staaten fährt Prius. Mittlerweile den Zweiten. Sie ist Berufspendlerin und fährt an 5 Tagen in der Woche eine Strecke von 150 Kilometern. Ihren ersten Prius hat mittlerweile ihre Tochter geerbt, der Wagen hat jetzt über 200.000 Meilen auf dem Tacho. Während ich immer meine Witze über ihren Wagen gerissen habe, ist sie vollkommen überzeugt von dem Toyota Prius. Geringe Unterhaltskosten, ein niedriger Verbrauch und eine Zuverlässigkeit, die sie bislang noch nicht bei einem Auto erlebt hat, stehen bei ihr auf der Haben-Seite. Dazu kommen noch, so hat sie weiter ausgeführt, dass der Wagen für seine kompakten Abmessungen so viel Platz bietet und sie liebt die Solarzellen auf dem Dach, die an heissen Tagen (und in Kentucky ist es in der Regel sehr heiss) den gewonnenen Strom nutzen, um den Wagen angenehm herunter zu kühlen.

Jaja. Als ich Anfang des Jahres gerade aus Amerika zurückgekommen war, dort auch einige Toyota Prius gesehen hatte und wieder mal über ihre Auto witzelte, kam ein “By the way, did you ever drive a Prius?” zurück. Grmpf. Nein. Ich bin bislang noch nie Prius gefahren. Also habe ich höflich bei Toyota angefragt, ob man uns nicht auch mal einen Toyota Prius als Testwagen bereitstellen könnte. Und das haben die Kölner auch freundlicher Weise getan. So bin ich nun die letzten Tage in einem 2012 Toyota Prius Plus Life durch die Gegend gefahren. Das “Life” steht dabei für die zweithöchste Ausstattungslinie, das “Plus” hingegen für einen eigene Fahrzeug-Kategorie. Seit Mitte 2012 verkauft Toyota den Prius Plus in Europa, in anderen Ländern heisst die Familien-Limousine mit 7 Sitzplätzen Prius V (in Japan hingegen Prius α). Das V steht für Versatility (hätte auch für den deutschen Markt funktioniert, denn Versatility ist das englische Wort für Vielseitigkeit). Im Vergleich zum “normalen” Prius mit einer Länge von 4.48m ist der Prius+ mit 4.61m gut 13cm länger. Auch der Radstand ist im fast 8cm angewachsen. Er ist 3cm breiter (Prius: 1.74, Prius+: 1.77) und knapp 8cm höher (Prius: 1.49, Prius+: 1.57). Das Plus steht also durchaus auch für ein Plus an Platz. Das Plus bezahlt man mit einem Aufpreis vom 3.000 Euro in der Basisausstattung.

Genug der Vorrede, ab ins Auto:

Beim Einsteigen will man sofort glauben, dass die Zukunft begonnen hat. Keine Rundinstrumenten behindern den Blick auf die Strasse, alle Informationen werden im mittigen Display ausgegegen. Alle Informationen? Nein. Wer mag, kann sich die aktuelle Geschwindigkeit mittels HUD in die Scheibe projizieren lassen. Der Funktüröffner wandert sofort in die Ablage der Mittelkonsole, denn einen Schlüssel gibt es nicht. Der Startknopf will gedrückt werden. Dieser erweckt dann das Display, wie auch das Infotainment zum Leben, auf den Motorklang wartet man aber vergeblich. Die ersten Meter legt man auf jeden Fall elektrisch zurück (sofern sich noch Energie in den Akkus befindet). Also Hand auf die futuristischen, blauen Wählhebel (der mich irgendwie an einen Golfschläger erinnert) des Automatikgetriebe und erst einmal den Rückwärtsgang eingelegt. Auf der Bildschirm des Infotainment-System erscheint das Bild der Rückfahrkamera (was für meinen Geschmack ein wenig schärfer sein dürfte) und der Toyota Prius+ gleitet lautlos nach hinten. Wieder die Hand an den Golfschläger und vorwärts geht es. Bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h kann der Prius voll elektrisch fahren, bei meinen Tests sprang aber immer schon ab 35 km/h der Benziner an. Das mag an meinem wenig beherrschten Gasfuss liegen. Neben dem Getränkerhalter in der Mittelkonsole befinden sich drei Taster über die man das Ansprechverhalten des Hybrids ändern kann. Der “EV”-Modus erzwingt quasi, dass man möglichst viel elektrisch unterwegs ist. Im ECO-Modus ist das Ansprechverhalten des Gaspedals reduziert und mit “PWR” lässt der Prius Hybrid den eiligen Fahrer schneller beschleunigen. Ist keins der Programme gewählt, fährt der Prius+ im “Normal”-Modus.

Meine erste Fahrt führt mich über die Autobahn. Und was macht der kleine Jan auf der Autobahn? Er latscht aufs Gas. Ist klar, oder? Und somit offenbart sich auch postwendend, dass der Prius und ich keine Freunde fürs Leben werden. Der Toyota Prius+ ist mit einem CVT-Getriebe ausgestattet. CVT steht für Continuously Variable Transmission. Als großer Vorteil eines CVT-Getriebes wird angepriesen, dass für jede Fahrsituation die exakt passende Übersetzung parat ist. Keine Zugkraftunterbrechung soll den Vorwärtsdrang hemmen. So sollen mit CVT-Getriebe ausgestattete Fahrzeuge bessere Fahrleistungen erzielen, einen höheren Komfort bieten und weniger Kraftstoff verbrauchen. Das mag alles so stimmen. Auf der anderen Seite sieht es so aus, dass ich das Gaspedal durchtrete, der Motor gefühlt voll hochdreht und in eben diesem Bereich bleibt, während das Fahrzeug dann beschleunigt. Damit komme ich persönlich nicht klar. Ich brauche den Wechsel der Drehzahl, um ein Gefühl für die Beschleunigung zu bekommen. Zudem empfinde ich den Prius bei meiner Vollgasfahrt als deutlich zu laut. Wer aber mit besonnenem Gasfuss fährt, der wird vermutlich den Vorteilen des Getriebe weit mehr abgewinnen können als ich.

Auch sollte man wissen, dass der Prius nicht als Rennwagen konzipiert wurde. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h ist Schluss. Da schluckt der deutsche Familienvater und denkt sehnsüchtig an die linke Autobahnspur. Auch dauert die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h 11.3 Sekunden, damit gewinnt man an der Ampel keinen Blumentopf. Soll man ja auch gar nicht. Umweltbewusst über Mutter Erde ist das Motto. Und die Strecken kann man laut Hersteller mit einem Verbrauch von durchschnittlich nur 4.1 Litern Benzin auf 100 km bewältigen. Wer viel fährt oder fahren muss, holt jetzt mal fix den Rechenschieber. Ich selbst bin 4 Jahre gependelt. Jeden Tag 60 Kilometer hin und 60 Kilometer wieder zurück. Ja, jetzt verstehe ich auch meinen amerikanische Freundin. Die interessiert in den USA natürlich gar nicht die Höchstgeschwindigkeit, da ist bei maximal 120 km/h eh Schluss. Und dafür reicht der 1.8 Liter Benziner mit seinem 99 PS auch aus. Zusammen mit dem Elektromotor verfügt der Toyota Prius über eine Systemleistung, wie es bei den Hybriden so schön heisst, von 136 PS.

Das Innenraum-Erlebnis im Prius lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Zum einen ist da auf der Haben-Seite das wirklich komfortable Platzangebot. Vorne wie hinten sitzt man bequem und hat ausreichend Platz. Bei Bedarf kann man den Kofferraum in eine dritte Sitzreihe umwandeln. Ich schreibe bewusst umwandeln, denn stehen die beiden Sitze hinten, verbleibt nicht mehr viel Kofferraum. Oder bildlicher gesprochen: Nimmt man die Volleyball-Mannschaft komplett mit ins Auto, so bleibt im verbleibenden Kofferraum kaum noch Platz für die Balltasche, die ganzen Sporttaschen schon gar nicht. 505 Liter Platz bietet der “normale” Kofferraum. Ist die dritte Sitzreihe in Benutzung verbleiben gerade mal 200 Liter. Klappt man beide Sitzreihen hingegen weg, hat man imposante 1.750 Liter Stauraum zur Verfügung. Um den Komfort in der letzten Sitzreihe zu erhöhen, kann man die zweite Reihe übrigens verschieben – um ganze 18cm lassen sich die Sitze einzeln verschieben. Das ist schon sehr praktisch. Die Sitze selbst habe ich als sehr angenehm empfunden. Angenehm war auch die Leistung des JBL-Soundsystems. Nein, es stellt nicht die Speerspitze des aktuell machbaren dar, aber der Klang ist durchaus akzeptabel. Die Anbindung meines iPhone via Bluetooth und USB klappte auch problemlos. Das Navigationssystem war in Ordnung. Leider werden die Anweisungen des Navis nicht auch über das HUD eingeblendet, das habe ich mal in einem anderen Auto erlebt und fand es sehr sinnvoll.

Nicht wirklich verstanden habe ich auf Anhieb (ich habe auch nicht die Bedienungsanleitung bemüht) die Steuerung der Klimaanlage. Irgendwie konnte ich da gefühlt nur die Temperatur verstellen, alles andere folgte einem automatischen Prinzip. Und auch der japanische Plastik-Charme hat mich nicht so wirklich im Innenraum angesprochen. Aber auch da – und hier schlage ich jetzt mal flugs den Bogen zu meinem Fazit – muss ein jeder eben wissen, was er will. Ich denke, als Pendler kann man dem Toyota Prius+ (oder auch dem normalen Prius) eine ganze Menge abgewinnen. Wenn man sein Fahrzeug eher als laufenden Posten, denn als identitätgebendes Prestige-Objekt betrachtet, dann wird der Pruis schnell zu einem attraktiven Fahrzeug, was einen sehr komfortabel und vor allem kostengünstig von A nach B bringt. Und das auch noch sehr zuverlässig, wie der TÜV Report 2012 belegt. Dem entgegen steht ein Basispreis von 27.790 Euro, der im direkten Preis zu anderen Fahrzeugen der Klasse Kompaktvan schon im oberen Segment rangiert. Gerade wo andere Kölner jetzt mit ihren kleinen 1-Liter-Motoren auch den Verbrauch bei solchen Fahrzeugen nach unten drücken.

Weitere Fotos vom 2012 Toyota Prius Plus Life in der nachstehenden Galerie: