Probefahrten
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Angefahren: 2012 Audi RS4 Avant 4.2 FSI (8K)


2008 habe ich meinen ersten Firmenwagen bekommen. Eigentlich wollte ich unbedingt einen Citroen C6 haben, aber mein Chef bestand auf einem Audi. Zähneknirschend habe ich dann ein paar Wochen lang, den Audi-Online-Konfigurator auf Trab gehalten. Ich durfte nämlich frei das Auto wählen, nur die monatliche Leasingrate durften eben nicht einen bestimmten Betrag überschreiten. A3, A4 oder A6. Gewählt habe ich dann schlussendlich einen Audi A4 Avant 2.0 TDI mit 140 PS und manuellem 6-Gang-Getriebe. In weiß. Mit Alcantara und Bang & Olufsen-Premium Soundsystem. Ich habe den Wagen geliebt. Mein erster Neuwagen (und dazu noch ein wirklich neues Fahrzeug, also direkt nach dem Modellwechsel, einer der ersten vom Typ 8K). Und dazu das erste Auto, was genau die Ausstattung hatte, die ich mir gewünscht habe (zumindest im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten damals, sonst wäre es ein 3 Liter quattro geworden).

Die Schwachstellen des Audi A4 Avants sind rar und liegen ziemlich klar auf der Hand. Es ist ein Lifestyle-Kombi. Soll heissen, dass der Kofferraum nicht so richtig dem entspricht, was man sich unter einem Kombi eigentlich vorstellt (insbesondere, wenn man vorher einen Citroen CX Break gefahren ist, in dem man quasi monatelang wohnen kann). 490 Liter Volumen bringt auch die eine oder andere Limousine mit. Andererseits bin ich auch mit 4 weiteren Kollegen von Bielefeld nach München zu einer Messe inkl. Übernachtung gefahren. Und auch in den Urlaub mit 2 Kindern hat der Audi uns gebracht, ohne dass wir etwas Wichtiges hätten zu Hause lassen müssen.

Dann gibt es da noch den Gepäckraum-Sichtschutz. Öffnet man den Kofferraum, lässt das Rollo zurückschnellen und schliesst dann die Klappe wieder, so sieht man anschliessend so gar nichts mehr im Rückspiegel. Und ich war dabei damals auch null lernfähig. Ist mir so oft passiert und ich habe mich so oft geärgert. Lag natürlich am Auto, nicht an mir. Klar, oder? Sonst habe ich nichts zu meckern an dem Fahrzeug.

Nun hatte ich drei Tage das Vergnügen eben diesen Audi in seiner stärksten Motorisierung zu fahren – den 2012 Audi RS4 Avant (8K). Und nur für Eure Belustigung, natürlich bin ich die Hälfte der Zeit mit dem Gepäckraumrollo im Heckfenster gefahren. Der Nostalgie wegen, natürlich.


RS4 also. V8, Baby. 4.2 Liter Hubraum. 450 PS. BÄM. Ein Druck auf den Startknopf erweckt das Aggregat zum Leben. Der V8 meldet sich sehr dezent. Das ist nett, gerade morgens um 4 Uhr in einer Nebenstrasse mit Doppelhaushälften direkt an der Bürgersteigkante. Der Motor sag Dir nicht “Tritt mich”, es ist eher ein “Hey, ich bin da, wenn Du mich brauchst.” Und so gestalten sich auch die ersten Kilometer – erst durch die 30iger Zone, dann über die verschlafenen Strassen der Bielefelder Innenstadt – entspannt. Man muss sich und den RS4 nicht zügeln, man kann ihn ganz entspannt fahren. Der Unterschied zwischen Biedermann und Brandstifter liegt in der Auswahl des “drive select”-Fahrprogramm. Bleibt man im Komfortmodus fährt sich der RS4 wie ein normaler A4 mit Sportfahrwerk. Will man hingegen die schlummernde Leistung des V8 wirklich abrufen und es knallen lassen, so wählt man das Dynamik-Fahrprogramm. Brandstifter. Sofort. Die Lenkung direkter, der Motor zerrt am Gas, das Fahrwerk lässt einen die Rollsplitsteine auf der Strasse einzeln zählen. Nur akkustisch bleibt der Audi RS4 für meinen Geschmack einen Hauch zu ruhig. Allenfalls wenn man das Gas wegnimmt, ruppt die Motorbremse ansprechend geräuschvoll untermalt an der Fahrgastzelle, dass man denkt, jemand hätte einen Anker geworfen.

Wehe, wenn sie losgelassen. Von Null auf 100 km/h beschleunigt der Audi RS4 in gerade mal 4.7 Sekunden. Wer auf dem Gas stehen bleibt – und ja, Bielefeld ist vielleicht nicht der Nabel der Welt, aber dafür haben wir gleich zwei Autobahnabschnitte in unmittelbarer Umgebung, die morgens um 5 Uhr vollkommen leer sind – der kann lustig fröhlich bis 280 km/h (normaler Weise wird der RS4 bei 250 km/h abgeregelt, für 1.500 Euro Aufpreis macht er dann erst bei 280 km/h zu) weiter beschleunigen. Und es scheint, als hätte der RS4 auch keinerlei Mühe diese Geschwindigkeit zu halten. Und auch wenn sich der Schnelllaster auch bei der Geschwindigkeit noch einfach lenken lässt und es sich anfühlt als würde er an dem Asphalt kleben, ich hatte meinen Spass und gehe vom Gas. Dabei ist es im Innenraum so angenehm ruhig, dass ich bei gefühlten 120 km/h einen Blick auf den Tacho werfe und feststellen muss, dass ich immer noch 200 km/h schnell bin. Zumal sich der Fahrspass schnell einstellen wird, denn bei dieser Fahrweise reicht der Tankinhalt von gerade mal 60 Litern nicht besonders lange. Der von Audi angegebene Durchschnittsverbrauch von 10.7 Litern auf 100 km, kann durch Vollgasfahrten auch schnell mal vervielfacht werden.

Und sonst? Habe ich nichts zu meckern. Die Sportsitze sind einfach perfekt. Das MMI-Infotainment-System mag ich sowieso und betone auch wieder mal brav, wie sehr mich die Schärfe der Audi-Displays jedes Mal aufs neue begeistern. Das Platzangebot vorne wie hinten ist prima – wenn auch im Fond die drei erwachsenen Passagiere nach ein paar Stunden Fahrt unbedingt mal rechts raus wollen, um sich zu strecken. Ich mag das Tagfahrlicht, da ist Audi ja sowie immer ganz vorne mit dabei. Und die inneren Türgriffe des RS4 finde ich sehr gelungen. Mehr als sinnvoll erachte ich bei der Konfiguration des RS4 das Schienensystem für den Kofferraum. Bei normaler Motorisierung kann man darauf meines Erachtens ganz gut verzichten, aber wenn 450 PS am Auto ziehen, dann ist man froh, wenn der Koffer gut gesichert im Laderaum steckt.

Was ich mir als RS4-Eigner wünschen würde, wäre eine Abgas-Anlage mit Klappensteuerung. Nicht, dass ich als junger Wilder so durch die Innenstadt knattern will, aber gerade auf der Landstrasse hätte ich mir schon ein wenig mehr akkustischen Druck gewünscht. Gut. Der Basispreis für den Audi RS4 liegt bei 76.600 Euro. Der Preis unseres Testwagens lag bei 93.600 Euro. Wer das Geld hat, erwirbt einen wunderschönen Lifestyle-Kombi mit Sportwagen-Herz. Die sepangblaue Lackierung steht dem RS4 übrigens sehr gut – falls ihr gleich konfigurieren wollt. Der Jens war mit dem RS4 auch ein paar Mal Brötchen holen und fasst seine Erfahrung in dem Artikel Angetestet: Audi RS4 Avant – die familientaugliche Sportskanone aus Ingolstadt! zusammen. In der nachstehenden Galerie gibt es noch weitere Fotos vom Audi RS4 Avant, die zugegebener Massen nicht wirklich meinen üblichen Ansprüchen entsprechen, aufgrund des knappen Testzeitraums war es aber nicht anders möglich: