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1988 Audi Urquattro – Probefahrt mit einer Ikone

Ich bin ein Teen der 80iger. Als DER Audi quattro 1980 vorgestellt wurde, war ich 9 Jahre alt. Als Walter Röhrl 1987 mit dem Audi Sport quattro S1 1987 am Pikes Peak einen neuen Streckenrekord aufstellte, war ich 16 Jahre alt. Der Audi Urquattro ist somit für mich kein „normales Sportcoupé der Marke Audi mit einem permanenten Allradantrieb“, sondern eine Institution meiner Jugend. Ein Auto von dem man geträumt hat. Ein Fahrzeug, was geprägt hat. Formel1-Rennen? Jaja, für Leute, die nichts anderes können, als schnell im Kreis zu fahren. Aber Rallye-Sport? Echte Könner! Idole! Helden! Das ist Euch zu dick aufgetragen. So what! Erzählt mir doch nichts über meine Jugend. Der Audi Urquattro. Heute kostet so ein Boliden im Zustand 2 mal locker über 25.000 Euro. Somit heute wie damals eher unerreichbar.

Als dann der Anruf von Audi kam „Jan, hast Du Lust mal den Urquattro zu fahren?“ war die Antwort einfach, kurz und aufrichtig: Ja, ich will! Letzten Donnerstag – nach einer sehr interessanten, aber aus Gründen nicht enden wollenden Führung durch die heiligen Hallen von Audi in Ingolstadt – war es dann endlich so weit. Ich, Jan, mittlerweile so gar kein Teen mehr – rein äußerlich – durfte mir einen Jungentraum erfüllen. Ein 1988 Audi quattro der Audi Tradition präsentierte sich bei strahlend blauem Himmel und Temperaturen um die 30°C im feinsten Feuerrot. Mit einer schwarzen Lederausstattung und diversen Ausstattungsdetails, für die man damals noch sehr tief in die Tasche greifen musste. 1988 waren elektrische Fensterheber nicht so selbstverständlich wie heute. Und auch eine Klimaanlage gehörte nicht zur Standardausstattung, ebenso wenig wie ein Bordcomputer, der schon damals alle wichtige Werte visualiert hat. Und auch wenn ich bei unseren Videos immer hinter der Kamera stehe – ich bin ihn wirklich gefahren. Den Urquattro. Und ich hatte Spass, oh ja! Sowohl beim Fahren als auch beim Drehen und so halte ich nachstehendes Video für unsere bislang beste Arbeit:

Überrascht hat mich beim Einsteigen das Cockpit. Statt Rundinstrumenten war unser Exemplar mit einem Mäusekino ausgestattet – Geschwindigkeit wie Drehzahl waren digital von den orangenen LCDs abzulesen und obendrein gibt der Bordcomputer auch Auskunft über Durchschnittsverbrauch (der übrigens bei unserer Fahrt nur ganz knapp über 10 Litern lag, was mich durchaus beeindruckt hat) und Restreichweite. Dreht man den Zündschlüssel noch ein wenig weiter, so erwacht – wer hätte das gedacht – der 2.2 Liter 5 Zylinderreihenmotor. Nicht krawallig, aber doch mit kernig forschem Ton. Diesen Ton kann man auch immer wieder während der Fahrt geniessen, wenn man zurück schaltet und die Kraft der 200 PS einfordert. Quattro steht dabei – damals wie heute – für permanenten Allradantrieb.

Den 200 PS stehen lediglich 1300 kg Leergewicht entgegen – im Vergleich: ein aktueller Audi RS4 leistet 450 PS aus 4.2 Liter Hubraum und beschleunigt von 0 auf 100 km/h in 4.7 Sekunden – so dass selbst für heutige Verhältnisse sehr passable Werte auf dem Papier stehen. Bis zum Erreichen der 100 km/h-Marke vergehen 7.9 Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 222 km/h. Geht doch. Und geht auch los! Natürlich sind wir aus Respekt vor dem wohlgepflegten und wundervollem alten Blech keine Beschleunigungsrennen gefahren und auch haben wir nicht mal ansatzweise versucht, die Vmax-Grenze zu erreichen. Wozu auch. Allein den Audi Urquattro über die kurvigen Landstrassen zu scheuchen war ein Heidenspass, wenn dabei ziemlich schweisstreibend.

Denn was man 1988 unter Klimaanlage verstand, entspricht nicht dem, was wir heute aus unseren Fahrzeugen kennen. Also kühlt der Wagen nicht mal eben die Innenraumtemperatur in ein paar Minuten um 10°C herunter, sondern sorgt allenfalls für eine kühlen Luftstrom aus dem Armaturenbrett. Also schön die Fenster heruntergelassen und sich am warmen Fahrtwind erfrischen. Die direkte Lenkung wie das sportlich straffe Fahrwerk stacheln den Fahrer – also mich (!!!) hihihi – zu sportlicher Gangart an und der Motorklang im Innenraum tut sein Übriges, um sich zumindest im Ansatz kurz wie Walter Röhrl zu fühlen. Unsere Ausfahrt endet dann natürlich auch viel, viel zu schnell an einem Landgasthaus, wo wir nur widerwillig aussteigen, um uns zu stärken (und grrrr das Auto zu tauschen – wobei – so schlecht war der Tausch in meinen Augen wahrlich nicht, aber dazu in einem späteren Artikel).

Zwischen 1980 – 1991 wurden 11.452 Audi quattro gebaut. Damals zu einem Preis um die 85.020,- DM. Heute findet man nur noch selten gute Exemplare. Im Zustand 4 handelt man sie in Oldtimer-Kreise laut Oldtimer-Markt Preislistenheft 2012 um die 6 Euro, für einen Audi Urquattro im Zustand 2 muss man schon etwas mehr Geld in die Hand nehmen, Preise um die 26.000 Euro werden da aufgerufen – mit steigender Tendenz. Ich bin glücklich. Ich durfte ihn also fahren! Hach. Keine Steigerung möglich? Naja. Es muss ja nicht gleich das Flügelmonster sein, aber so einen Audi Sport quattro – der gute Mann, der uns durch die Sammlung der Audi Tradition führte, meinte zwar, dass die sehr schwer zu handlen wären, aber hey, man muss doch Ziele haben – wäre natürlich schon noch eine kleine Steigerung …

Wer sich nicht sattlesen kann zum Urquattro – der Jens war ja auch mit dabei: Classic Review: Audi Ur-quattro. Wer sich nicht sattsehen kann, im Anhang gibt es noch weitere Fotos und Detailbilder vom Audi Urquattro: