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2013 Mercedes-Benz S500 (W222) – Fahrbericht einer Probefahrt nach Honey Harbour

Ganz 2 Tage hatte ich die Möglichkeit die neue Mercedes-Benz S-Klasse im Umland von Toronto zu fahren und zu testen. Das ist für einen Autoblogger ein sehr üppiges Zeitkonto und doch für ein Fahrzeug wie unseren vollausgestatteten 2013 Mercedes-Benz S500 (W222) viel zu wenig. Die neue S-Klasse von Mercedes hat so viele Features, das es mir sehr schwer gefallen ist, mich Schritt für Schritt zu fokussieren. Und doch habe ich genug Eindrücke sammeln können, um Euch eine Menge über das neue Flaggschiff der Stuttgarter zu erzählen. Und eben weil ich mich gedanklich zu keinen Zeitpunkt von dem Begriff Flaggschiff lösen konnte, war es für mich ein absolutes Muss, abseits der vorgegebenen Route einen Abstecher in das beschauliche kanadische Feriendomizil mit dem possierliche Namen Honey Harbour zu unternehmen. Am ersten Tag haben Jens und ich auch wieder ein Video für unseren Youtube-Channel Ausfahrt.tv produziert, dass mit einer Länge von über 10 Minuten mehr als nur einen kurzen Einblick in die unzähligen Features des 2013 Mercedes-Benz S500 (W222) gibt:

Um hier nicht den Faden zu verlieren, werde ich mich einfach von vorne nach hinten durch das Auto bewegen. Und fange also mit dem Motor an. Der V8, der über stolze 4.7 Liter Hubraum verfügt und 455 PS Leistung mitbringt, läuft einfach nur herrlich kultiviert. Das typische und so geschätzte V8-Blubbern dringt kaum in die Fahrgastzelle vor, selbst nicht im Sport-Modus. Seidenweich fühlt sich die Beschleunigung an – und da katapultiert der Heckantrieb, an den die potentiellen 700 Nm Drehmoment abgegeben werden, die mit 2 Tonnen Leergewicht doch ansatzweise – zumindest im Verhältnis zu den Ausmassen – leichte S-Klasse mal eben in 4.8 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Geschaltet wird dabei automatisch über das 7G-TRONIC Plus-Automatikgetriebe, was aus meiner Sicht über jeden Zweifel erhaben ist. Wer sich sportlich betätigen will, kann auch gerne über die Schaltwippen die Gänge manuell vorwählen – ich habe dafür zu keinem Zeitpunkt die Veranlassung gesehen. In Kanada gibt es ein Tempolimit von 100 km/h (ja, die Kanadier haben schon vor langer Zeit für den Strassenverkehr das metrische System eingeführt), so hiess es jenseits abgesperrter Flugplatzstrecken eh cruisen statt rasen. Und was ist der Mercedes S500 für ein herrlicher Cruiser. Wer sich beherrschen kann, soll einen Verbrauch um die 9.1 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer einhalten können, wir lagen am ersten Tag bei 12 Litern, am zweiten Tag haben wir es deutlich ruhiger angehen lassen und den Verbrauch auf etwas über 10 Liter gesenkt.

Der Fahrerplatz stellt wohl den Traum jedes Berufsfahrers dar. Hat man sich den äußerst bequemen Fahrsitz mit all den elektrischen Schaltern an der Tür erst einmal richtig eingestellt, so muss man für die Enge der Seitenwagen und die optimale Lordose-Stütze das erste Mal das riesige – 31 Zentimeter misst die Diagonale – Mitteldisplay bemühen. Dabei fällt auf, wie schön die Interieur-Designer in der neuen Mercedes S-Klasse aufgeräumt haben. Im Vergleich zu dem Vorgänger aber auch anderen Mercedes-Modellen ist die Mittelkonsole sehr schön aufgeräumt. Die Bedienung des in vielen Punkten weiterentwickelten COMAND-Online-Infotainment-Systems sind nun im Halbkreis um das Drehrad angeordnet und ergonomisch sehr schön zu bedienen. Wie das Rad selbst auch, was angenehm gross ausgefallen ist. Über dem Rad unter einer Verkleidung verbirgt sich die Tastatur für das Telefon. Sowohl in der ersten, wie auch in der zweiten Sitzreihe läßt sich neben Sitzheizung und -belüftung (und ich mag es wirklich sehr, dass man bei Mercedes beides auch gleichzeitig nutzen kann) auch zwischen sechs verschiedenen Massage-Programmen wählen. Diverse Kugeln im Sitz kommen dabei zum Einsatz, um den Rücken bei längeren Fahrten zu entlasten – wenn nicht gar zu verwöhnen. Die sagenumwogene Hot-Stone Massage ist dabei übrigens nicht halb so intensiv, wie ich mir das vorgestellt hatte, sondern sehr dezent – also das „Hot“. Ist der mit feinem Leder bezogene Sitz, wie auch die Lenkradposition und die Aussenspiegel perfekt eingestellt, so legt man den bekannten Wahlhebel der Automatik, der sich rechts am Lenkrad befindet, auf „D“ und schon setzt sich die S-Klasse geschmeidig in Bewegung.

Nun noch fix die richtige Route im Navigationssystem eingeben. Hier hat sich einiges getan. Die volle Breite des Displays wird schön ausgenutzt, die Darstellung der einzelnen Menüpunkte wurde vor allem grafisch sehr schön aufgewertet. Die Struktur der Anwendungen hat sich ein wenig geändert, so dass das sonst so blinde Navigieren im COMAND Online zunächst nicht so einfach war. Das Navigationssystem kommt zudem mit einer neuen 3D-Darstellung. Die meisten größeren Städte werden dabei mit ihren Gebäuden dargestellt – zoomt man ganz heraus, kann man sich Mutter Erde ansehen. Schick ist es, beim Navigieren stört es nicht. Neben dem üblichen Audiquellen wie Radio, CD-Wechsel, Mediaserver und Bluetooth-Quelle kann man noch 2 USB-Anschlüsse, die man bestücken kann. Ist man in der finanziellen Lage und auch gewillt, das optionale Burmester High-End 3D-Surround-Soundsystem für 7.500 Euro zu bestellen, so wird man künftig seine Lieblingsmusik aus 24 unterschiedlichen Lautsprecher klingen hören, die von einer Verstärkersystemleistung von 1.540 Watt angesteuert werden. Ich halte mich durchaus für eine Person, die einen gewissen audiophilen Anspruch hat. Und ich vergehe mich nicht gerne an Superlativen. Aber dieses Burmester 3D-System ist mit weitem Abstand das Beste, was ich je in einem Auto gehört habe. Die geringen Fahrgeräusche der S-Klasse werden schon bei leisen Tönen der Anlage eliminiert. Pink Floyds „The Wall“ bei voller Lautstärke hat mich schlichtweg umgehauen. UM-GE-HAUEN. Der Klang ist wirklich schlichtweg unglaublich. Zu keiner Zeit wirkt auch nur ein Ton breiig. Und der 3D-Prozessor sorgt dafür, dass man einfach in die Musik abtauchen kann. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Besonders beeindruckt ist dabei, dass der Klang sich auf allen vier Sitzplätzen gleich perfekt anhört.

Zurück zum Fahrerarbeitsplatz. Das Fahren von Toronto zu unserer Relaisstation im Norden war ungemein stressfrei. Von allem Sitzkomfort abgesehen, spielen die unterschiedlichen Assistenz-Systeme prima zusammen. Und diese kauft man sich im Raket Fahrassitenz Plus für 2.700 Euro – im Vergleich zu anderen Ausstattungsfeatures – geradezu preiswert ein. Die DISTRONIC PLUS (so heisst bei Mercedes der Tempomat mit integrierter Abstandsfunktion) hat einen aktiven Lenkassistenten spendiert bekommen. Erkennt das System – durch ein paar der unzähligen im Auto verbauten Kameras – die Strasse, so lenkt er sanft mit. Zu keiner Zeit habe ich dies als störend oder bevormundend empfunden, vielmehr als Erleichterung. Zudem kann man das System einfach über einen Knopfdruck links neben dem Lenkrad abschalten. Nach 30 Minuten Fahrzeit standen wir das erste Mal in einem kleinen Stau (ich frage mich schon, ob das von Mercedes arrangiert wurde). Ein perfekter Zeitpunkt, um den neuen Stop & Go Piloten auszuprobieren. Dieser wird über das Aktivieren der Distronic eingeschaltet. Fortan bewegt sich das Fahrzeug halbautonom im Stau. Es schliesst automatisch mit gebührendem Sicherheitsabstand zum Vordermann auf und bremst den Wagen bis zum Stillstand. Steht das Fahrezug erst einmal, muss man kurz aufs Gaspedal tippen, damit er sich dann wieder in Bewegung setzt. Letzteres fand ich etwas enttäuschend, vermute aber, dass es mit einer gesetzlichen Regelung zu tun hat, denn die entsprechenden Techik, um auch diesen Schritt zu automatisieren, ist ja vorhanden. Dennoch wird das „im Stau fahren“ durch den Assistenten deutlich stressfreier und man kommt auch erst gar nicht in die Versuchung in irgendwelche Lücken zu stossen. Die im Paket enthaltene PRE-SAFE-Bremse und das BAS PLUS mit dem Kreuzungs-Assistenten haben wir nicht ausprobieren müssen. Beide Systeme dienen ja zum Fahrgastschutz und sollen Unfälle vermeiden. Der aktive Totwinkel-Assistent sollte meiner Meinung nach zur Serienausstattung aller Fahrzeuge gehören, so sehr habe ich mich schon daran gewöhnt und der aktive Spurhalte-Assistent ist meiner Meinung nach auch ein feine Sache.

Natürlich kann man die S-Klasse auch mit einer 360° Kamera ausstatten. Und meines Erachtens empfiehlt sich dies durchaus auch bei einem Fahrzeug dieser Größe, denn sie unterstützt doch beim Einparken ungemein, auch wenn die Parklätze in Kanada eh deutlich größer sind als unsere hier in Europa. Mit einem Aufpreis von über 1.000 Euro ist sie allerdings kein Schnäppchen. Wer auf Nummer Sicher gehen will, greift dann noch zum aktiven Park-Assistenten, der als Bestandteil des Park-Pakets noch mal zusätzlich 1.350 Euro kostet. Dabei will ich noch erwähnen, dass selbst die von unser gefahrene Langversion mit ihrer Länge von 5.25m gerade mal einen Wendekreis von 12.3 Metern hat, somit durchaus handlich zu bewegen ist. Auch ganz neu ist hingegen das Nachtsicht-Assistenz-Paket. Im neuen Display, was die klassichen Rundinstrumente abgelöst hat (dazu gleich noch ein paar Worte), wird bei Aktivierung des Systems ein Nachtsichtbild der Strasse gezeigt. Erkannte Fussgänger wie zum Teil auch Radfahrer werden innerhalb des Bildes mit einem roten Rahmen versehen. Und nein, man blickt dann nicht nur noch auf das Diplay, sondern weiterhin auf die Strasse, aber aus den Augenwinkeln sieht man dann die roten Warnungen von unten und kann ggf. dort nachsehen, was man mit blossem Auge nicht zu erkennen vermag. Das Paket erkauft man sich mit einem Zuschlag von 2.600 Euro.

Ja, das neue Display. Hm. ich bin ja ein Freund von klassischen Rundinstrumenten und mehr als skeptisch, was eben jenes Display anging, was mir beim Fahren alle relevanten Informationen kredenzen sollte. Aber schon bei der Premiere der neuen S-Klasse in Hamburg war meine Skepsis schon deutlich schwächer. Da hatte ich mir schon einen ersten Eindruck von der Schärfe des Displays machen können. Aber dann. Beim Fahren? Und mit unterschiedlicher Sonneneinstrahlung? Und sowieso? Nein, ich mag die klassischen Rundinstrumente immer noch lieber. So viel ist sicher. Aber das nun verbaute Display ist schon verdammt gut. Gestochen scharf. Immer perfekt abzulesen und dank der riesigen Fläche auch noch in der Lage bestimmte Informationen mit mehr Platz darzustellen. Bei der Verwendung des Nachtsicht-Assistenz-Pakets beispielsweise, werden Teile der Rundinstrumente ausgeblendet, um mehr Fläche für das Nachtsichtbild zu schaffen. Und im normalen Gebrauch ist eben mehr Platz für die üblichen Anzeigen da. So wird auf Wunsch die aktuelle Geschwindigkeit nun deutlich größer dargestellt und die Anweisungen des Navigationssystems sind ein wenig aufgehübscht. Nichts zwingendes, aber durchaus nett und ansehnlich. Dabei kann ich auch noch fix erwähnen, dass man für 440 Euro eine Ambientebeleuchtung buchen (im Innenraum sind übrigens nur noch LEDs zu finden) kann, die dafür sorgt, dass der Innenraum im Dunklen hübsch illuminiert wird – 7 Farben hat man dabei zur Auswahl.

Jetzt aber endlich mal vom Fahrsitz auf den rechten Rücksitz. Das ist nämlich – die entsprechende Konfiguration vorausgesetzt – der echte Chef-Sessel in der Mercedes S-Klasse, so auch in unserem Mercedes-Benz S500, der ja nahezu über eine Komplett-Ausstattung verfügte. Je nachdem wie man es sich selbst zurecht legen will, ist der rechte Fondplatz der perfekte Business-Arbeitsplatz oder eben eine Luxusoase zum Entspannen. Der Sitz lässt sich elektrisch zu einem Liegesitz umfunktionieren, dabei wird dann der rechte Vordersitz ganz nach vorne geschoben und die Kopfstütze umgeklappt (Ergo: vorne rechts kann dann niemand mehr sitzen). Den Kopf auf einem formidablen Sitzkissen ruhend, den Rücken per vorbeschriebener Massage-Funktion verwöhnend, fallen einem schnell die Augen zu. Die Sitzklimatisierung verhindert einen verschwitzten Rücken und im Winter heizt die Sitzheizung optional auch noch die Armauflagen. Wer ungestört vom Fahrer einen Film sehen will oder einfach nur Musik hören möchte, kann zu den Bluetoothkopfhörern greifen, die aber in Sachen Klangqualität nicht mal im Ansatz an die Burmester-Anlage herankommen. Das Rear-Entertainment-Paket man dabei per Fernbedienung oder aber auch iPhone.app bedienen. Letzteres bietet sich auf jeden Fall an, weil man so auch alle Texteingaben deutlich einfacher erledigen kann. Die Chef-Funktion im Fond wird auch dadurch belegt, dass man per Fernbedienung auch auf das zentrale COMAND Online zugreifen kann.

Wer die S-Klasse als mobiles Büro nutzen will, freut sich bei entsprechender Netzabdeckung über den serienmäßig verbauten WLAN-Hotspot. Den Laptop stellt man auf einem Tischchen ab, was sich aus der Mittelkonsole wie beim Fliegen ausklappen lässt. Die Größe des Tisches ist nicht üppig, reicht aber um einen Text auf einem DINA4-Ausdruck zu korrigieren oder eben um ein Notebook abzustellen. Und dank des so fein gedämmten Innenraums hat man auch bei Telefonaten nicht mit Fremdgeräuschen von aussen zu kämpfen. Die an den Vordersitzen befestigten Displays haben im Übrigen auch ein scharfes Bild und ich hatte zu keiner Zeit irgendwelche störenden Spiegelungen feststellen können.

Im Vergleich zum üppigen Platzangebot im Innenraum ist der Kofferraum geradezu klein. Er fasst aber immerhin 530 Liter und man sollte so das übliche Gepäck verstauen können. Bei uns hat es zumindest für beide Jumbo-Trolleys, zwei Kabinen-Trolleys, einen Rucksack und ein wenig Kleinkram gereicht.

Der Mercedes-Benz S500 (W222) mit langem Randstand kostet in der Basisausstattung etwas mehr als 107.500 Euro. Wer den vollen Komfort und alle Assistenten mitkaufen möchte, der kann den Preis noch mal gut um 70.000 Euro nach oben schrauben. Die potentielle Zielkundschaft kauft in den USA und China. Trotzdem hoffe ich doch sehr, dass auch in Deutschland einige neue S-Klassen das Strassenbild aufwerten. Denn auch wenn mir persönlich die S-Klasse vom Aussendesign nicht eigenständig genug ist, sie ist doch für mich ein wunderschönes Auto. Sicherlich ist das natürlich Geschmacksache. Wer sich also ernsthaft für das Fahrzeug interessiert, sollte auch die Meinungen der Kollegen lesen. Wie zum Beispiel von Jens Fahrbericht: Neue Mercedes-Benz S-Klasse S500 (W222) – Test / Fotos / Video & Kritik! oder auch Heike. Sehr dankbar bin ich Don Dahlmann, der in seinem Beitrag ein paar meiner Erinnerungen an die schönen Strassen in Kanada konserviert hat. Ich gestehe, ich habe selten wenig Fotos geschossen, die paar wenige findet ihr in der nachstehenden Galerie. Dafür findet ihr bei Bedarf nachstehend auch noch ein weiteres Video, was wir für die englisch sprachigen Interessenten abgedreht haben: