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Erhaben! 2013 Bentley Continental GTC W12 – Fahrbericht meiner Probefahrt

Ich kann den Fahrer auch zum Bahnhof bringen! offenbare ich der freundlichen Dame am Telefon. Irritiertes Schweigen am Ende der Leitung. Der Wagen wird nicht auf eigener Achse überführt. Wir bringen Ihnen das Fahrzeug auf einem Transporter. folgt kurz darauf. Ok. Ich merke, dass mit dem 2013 Bentley Continental GTC W12, den wior für eine Woche nach Bielefeld gestellt bekommen haben, doch so einiges anders läuft. Die Übergabe ist dann auch ein wenig wie Weihnachten. Der Fahrer öffnet erst eine kleine Tür an der Seite des Kofferaufbau seines Lastwagens. Ein erster Blick auf die Farbe. Blau ist er also. Moroccan Blue wie ich vermute. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Denn im Konfigurator von Bentley hat man so viele Lackierungen zur Auswahl, dass die Briten Oberpunkte zur jeweiligen Farbe angelegt haben. Aus über 20 unterschiedlichen Blautönen kann man da wählen. Der Fahrer löst langsam alle Spanngute und startet dann den Motor. Dumpf, ein wenig heiser und sehr dezent meldet sich der gleich mit 2 Turboladern bestückte W12-Motor erstmalig. Das W steht für die Bauform, die 12 für die aktiven Zylinder. Einfach bei Wikipedia erklärt: Der Doppel-V-Motor „W12“ basiert dabei auf zwei VR6-Motoren, wie sie aus dem gleichnamigen VW Golf der dritten Generation bekannt sind. Und noch schöner erklärt es Jens im nachstehenden Ausfahrt.tv-Video:

Ein flüchtiger Blick auf das Datenblatt – Rawetter! 6 Liter Hubraum. 48 Ventile. 625 PS! 800 Nm Drehmoment, von einer 8-Gang Automatik aus dem Hause ZF, verteilt auf beide Achsen (die Kraftverteilung erfolgt im Verhältnis 40/60). Und dabei steht doch das GTC für Gran Turismo Cabriolet und nicht für Supersportwagen. Der Fahrer gibt mir noch eine kurze, freundliche Einweisung, dann gehrt der Bentley mir. Das Fahrwerk lässt sich in vier Stufen von Comfort auf Sport umstellen. Ich entscheide mich für Comfort und öffne erstmal das schwarze, mehrlagige Stoffverdeck, welches im geschlossenen Zustand dem Bentley Continental GTC eine schöne Coupé-Form gibt. Den Motor kann ich klassisch mit dem Zündschlüssel starten, der allerdings links vom Lenkrad eingesteckt werden will. Ich entscheide mich aber für den Start-Knopf in der Mittelkonsole. Der W12 brummt auf. Ich stelle mir noch schnell das Lenkrad (elektrisch) ein und lasse meine Hand links neben den Fahrersitz rutschen, wo ich die Schalter erfühle, die mir beim Finden der optimalen Sitzposition behilflich sind. Jetzt noch fix die Ray-ban auf die Nase und den Wahlhebel der Automatik auf „D“ gestellt. Dafür muss ich auf das Bentley-B drücken. Den Fuss von der Bremse auf das Gaspedal und butterweich setzt sich das 2.5 Tonnen schwere Cabrio in Bewegung.

In den folgenden Tagen fahre ich etwa 200 Kilometer mit dem Bentley. Und ein Wort beschreibt mein Fahrerlebnis dabei vollkommen treffend: ERHABEN! Es ist ein unglaublich erhabenes Gefühl mit dem Bentley auszufahren. Das hat weniger mit dem Basispreis von etwa 230.000 Euro zu tun, sondern mit dem Auto selbst. Angefangen bei den liebevoll verarbeiteten Sitzen – auf allen vier Kopfstützen findet sich ein gesticktes Bentley-Logo. Die Hände umfassen das mit stumpfen Leder bezogene Lenkrad, was sich nicht nur sehr gut anfühlt, sondern auch angenehm griffig ist. Die beiden Uhren, die Geschwindigkeit und aktuelle Drehzahl anzeigen, tragen ebenso zu dem Gefühl bei, wie die tiefe Sitzposition in der recht hochgezogenen Karosserie (Mein Teenager musste sich erstmal den Sitz nach oben fahren, um angemessen aus der Seitenscheibe schauen zu können).

Am letzten Abend vor der Abholung unternehme ich mit meiner Frau eine kleine Ausfahrt. Einmal nach Osnabrück zu meinem Freund und wieder zurück. Diese Strecke bin ich 4 Jahre lang als Arbeitsweg gefahren. Und es ist eine perfekte Teststrecke. Erst durch die Stadt, dann über Land und zum Ende nochmal eine gute Weile auf der Autobahn. Es ist ein lauwarmer Sommerabend. Wir fahren offen, die Fenster sind alle versenkt. Die Massage-Funktion auf den Vordersitzen knetet uns angenehm den Rücken während wir uns auf den Weg machen. Bielefeld – auch bekannt als größte Ganzjahresbaustelle Deutschlands – zeigt sich mal wieder von seiner besten Seite. Für das erste Wegstück, für das mal normaler Weise maximal 20 Minuten benötigt, benötigen wir – trotz Schleichwegen – im Stop-and-Go-Verkehr stolze 45 Minuten. Und der Bentley Continental GTC W12 präsentiert im Display zwischen den Rundinstrumenten, warum er nicht von jedermann gefahren werden kann. Beim Anfahren schnellt die Anzeige auf 49.9 l/km, im Schritttempo nimmt will der W12 immer noch 20 Liter haben. Der NEFZ-Verbrauch liegt laut Bentley zwischen 16 und 17 Litern auf 100 Kilometern. Wer sich das Bentley Continental GTC für 230.000 Euro leisten kann, zuckt wohl kaum bei einem Durchschnittsverbrauch von 20 l/100 km. Zumal der 90 Liter grosse Tank ja durchaus längere Fahrten ohne Tankstop zulässt.

Ich habe nie schöner im Stau gestanden. Und das sehr gute Premium-Soundsystem von Naim Audio, einem kleineren, englischen Premiumhersteller, versüsst die Wartezeit mit feinen Klängen aus den Lautsprechern. Wer mag, schliesst einfach sein Smartphone per Bluetooth an. Für Freunde des Silberlings gibt es alternativ einen 6-fach DVD-Wechsler oder man lädt bis zu 15 GB Musik und/oder Videos auf die Festplatte des Infotainment-Systems. Dieses stellt meines Erachtens dann auch den einzigen Makel des Fahrzeugs dar. Es ist ein wenig altbacken und optisch sehr nah an den anderen Systemen aus dem Volkswagen-Konzern. Zu wenig herausstechend oder aussergewöhnlich. Aber solide und ok. Lediglich die Reaktionszeiten des Touch-Displays lassen deutlich zu wünschen übrig. Nachdem sich der Stau aufgelöst hat, gleiten wir – erhaben, wie sonst – auf der Landstrasse Richtung Autobahn. Weder an dem verstellbaren Fahrwerk noch an der Lenkung gibt es auch nur einen Hauch auszusetzen. Die Schaltwippen sind groß und gut zu erreichen, leider sind die starr an der Lenksäule angebracht, folgen somit der Hand beim Lenken nicht, was beim sportlichen Herunterschalten in der Kurve dann nicht so toll ist.

Sportliches Herunterschalten? Und wie! Ja, auf den ersten und auch nicht auf den dritten Blick offenbart sich der 2013 Bentley Continental GTC W12 als Sportwagen. Wenn man den Wahlhebel der Automatik erst einmal von „D“ auf „S“ gedrückt hat, zeigt der Bentley dann sein zweites Gesicht. Die Kommandos des Gasfusses werden deutlich prompter und sportlicher umgesetzt. Wer möchte, kann den Bentley GTC von 0 auf 100 km/h in gerade mal 4.4 Sekunden beschleunigen. Und wir reden hier um ein 2.5 Tonnen schweres Auto. Bis 190 km/h bewegt sich die Tachonadel beim weiteren Beschleunigen als gäbe es so etwas wie Roll- oder Luftwiederstand gar nicht. Danach bewegt sie sich ein wenig langsamer, die Betonung liegt dabei auf „wenig“. Wer mag, kann eine Spitzengeschwindigkeit von 325 km/h erreichen. Ich bin – mangels freier Autobahn – bis 290 km/h gekommen. Bis 200 km/h kann man auch noch bequem die Fenster unten lassen, wenn man denn offen fährt, danach wird es doch ein wenig laut. Ab 250 km/h lässt dann das Gefühl der Erhabenheit ein wenig nach und der Bentley erfordert die volle Konzentration des Fahrers. Apropos offen fahren – die Verwirbelungen im Innenraum sind sehr dezent, für das mitgelieferte Windschott hatte ich zu keiner Zeit die Notwendigkeit gesehen.

Auf dem Heimweg haben wir es dann deutlich ruhiger angehen lassen. Es hatte sich auch schon deutlich abgekühlt. Da war das Gebläse für den Nacken wirklich Gold wert. Über zwei Taster neben der Sitzverstellung kann man die Intensität des Luftstroms regulieren. Die bequemen Ledersitze, die auch einen guten Seitenhalt bieten, kann man natürlich auch beheizen, wie auch das Lenkrad. Alternativ zum Beheizen kann man die vorderen Sitze auch belüften – Heizen und Lüften geht aber nicht zeitgleich.

Gran Turismo kommt aus dem Italienischen und bedeutet frei übersetzt „große Fahrt“ – nicht unbedingt großes Auto. Und auch wenn der Bentley Continental GTC W12 durchaus mit üppigen Abmessungen – die Länge des Fahrzeugs beträgt 4.81m. Dabei hat der Bentley einen Wendekreis mit gerade mal 11.3 Metern Durchmesser und lässt sich einfach rangieren. Beim Einparken hilft die optionale Rückfahrkamera. Selbst der finanziell potente Käufer würde sich wohl aber über eine optinale 360° Kamera freuen, denn die schönen 21″ Felgen möchte man doch unbeschadet lassen. Die äußeren Abmessungen täuschen aber ein wenig über das doch eher spartanische Platzangebot auf der Rücksitzbank hinweg. Zwar sind die beiden hinteren Einzelsitze auch schön ausgeformt und durchaus bequem, aber als Erwachsener hat man durchaus wenig Beinfreiheit. Für Teenager reicht es hingegen, die sich auch erst ab Tempo 160 km/h über zu viel Windverwirbelungen im Fond beschweren. Das Kofferraumabteil fasst gerade mal 206 Liter, was nicht zu viel ausmacht, denn generell ist der 2013 Bentley Continental GTC W12 eh nur für eine Zuladung von 405 kg zugelassen.

Der Nachwuchs fand den Bentley übrigens einstimmig „voll cool“, die Herzdame „äußerst komfortabel“. Ich hänge immer noch meinen Erinnerungen nach. Vom Preis und dem Verbrauch mal losgelöst, ist der 2013 Bentley Continental GTC W12 ein wundervolles Auto, was mir voll und ganz entgegenkommt. Trotz der enormen Motorisierung lädt er zum beschaulichen und komfortablen Cruisen ein. Wenn man es aber mal fliegen lassen möchte, dann fix auf „S“ und los geht es. Die Verarbeitung im Innenraum ist eine Wonne. Man kann gar nicht anders, als sich wohl zu fühlen. Sicherlich kann man sich fragen, ob man als Käufer in dieser Preisklasse noch dies oder das erwarten würde. Aber mal ganz im Ernst – es ist alles da. Brauche ich unterschiedliche Massage-Programme, wenn das Grundprogramm meinen Rücken doch wundervoll während der Fahrt knetet? Als Teil des Infotainment-Pakets war ein TV-Modul verbaut. Lustig ja, aber nutzt das wirklich jemand? Ich würde es nicht. Der 2013 Bentley Continental GTC W12 ist ein prächtiges Auto, das leider nur von einer sehr kleinen Schar von Personen als erschwinglich bezeichnet wird. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich dieses erhabene Fahrgefühl geniessen durfte.

Was Jens zu dem Bentley meint, lest ihr hier: Fahrbericht – Test – Kritik: 2013 Bentley Continental GTC W12 In meiner nachstehenden Galerie gibt es noch allerlei Fotos und Detailaufnahmen zu dem Bentley Continental GTC W12, der leider schon nach einer Woche wieder bei uns abgeholt wurde: