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Achterbahn extrem: 2013 Porsche 911 Turbo S (991) – Fahrbericht meiner Probefahrt

Ich bin ja eher der Lifestyler unter den Autobloggern. Ich fahre Autos auch lieber auf der Strasse als auf der Rennstrecke. Mich interessiert die Wattzahl des Infotainment-System genauso wie die Leistung des jeweiligen Fahrzeugs. Doch selbst ich konnte meine Freude nicht mal ansatzweise unterdrücken, als ich meine Einladung von Porsche zur internationalen Presse-Fahrveranstaltung des neuen 2013 Porsche 911 Turbo (991) bekommen habe. Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass ich mir als kleiner Junge kaum etwas aus edlen italienischen Sportwagen gemacht habe. Für mich gab es nur eine echte Sportwagen-Marke und die hiess eben Porsche. Der 911er feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag, der 911 Turbo seinen 40igsten. Ich selbst bin gerade 42 Jahre alt, selbstredend hat der Porsche 911 Turbo, mir auch bestens unter dem Namen Porsche 930 vertraut, damals™ mein automobiles Selbstverständnis geprägt wie kein anderes Auto. 3 Liter Boxer, 260 PS, 250 km/h Vmax, 0 auf 100 in 5.5 Sekunden – STICHT! Und nur um den jüngeren Lesern diese Werte in Relation zu setzen – ein Golf GTI hatte damals damals 110 PS, die für einen Höchstgeschwindigkeit von 182 km/h reichten. Im Sprint auf 100 km/h benötigte er 9.2 Sekunden – und galt damals als sehr sportliches Auto.

Das Schönste am 930 war aber damals für mich, dass es nicht ausreichte, einfach nur reich zu sein. Man musste auch wirklich Auto fahren können. Der 930 galt als extrem anspruchsvolles Auto. Irgendjemand erzählte mir mal, dass es bei der Werksabholung bei Porsche In Zuffenhausen eine Kurve gab, an der wohl mehrere 930 zerschellt sind, als die Neubesitzer zu übermütig das Gaspedal bedienten. Und mit dieser Geschichte im Hinterkopf war ich auch durchaus ein wenig angespannt vor der Fahrveranstaltung. Bloss nicht negativ auffallen. Doch hat sich in den letzten 40 Jahren einiges geändert. Dazu gleich mehr. Als Einstimmung für meinen Fahrbericht erst einmal das obligatorische Ausfahrt.tv-Video zum 2013 Porsche 911 Turbo S (991):

Auf dem Weg vom Hotel zur „Rennstrecke“ Bilster Berg habe ich mich dann aber schon merklich entspannen können. So gar nicht zickig präsentierte sich da der neue 2013 Porsche 911 Turbo S (991). Dank variablen Allradantrieb werden die 700 Nm (750 Nm im zugeschalteten Sport+-Programm) nämlich nicht mehr allein auf die Hinterachse verteilt, sondern eben je nach Bedarf auf beide Achsen. Walter Röhrl antwortet dem geschätzten Kollegen Fabian Mechtel auf die Frage „Wie sehr reizt der neue turbo?“: Vielleicht nicht mehr im Sinne eines 930, bei dem Du hier in der Schikane nur einmal aus Versehen zu hastig auf der Bremse bist und ihn danach rückwärts aus der Hecke ziehen musst. Dafür aber auf einer ganz anderen Ebene: 560PS und 750Nm die Du ansatzlos auf die Straße bringst, ganz ohne Angst haben zu müssen ihn zu verlieren. Das ist schon ein tolles Gefühl. Gerade letzteres kann ich bestätigen.

In der anschliessenden Pressekonferenz fällt die Anspannung dann ganz von mir ab. Porsche präsentiert den neuen Turbo als alltagstaugliches Supercar. Mitlenkende Hinterachse . Torque Vectoring Plus (PTV). Adaptives Aerodynamik Paket (PAA). Neuer Allrad-Antrieb (PTM). Neue, größere Keramik-Bremsen (PCCB). Es sieht so aus, als müsste ich mich nicht zum Deppen machen. Und mit dieser Einstellung beginnen Jens und ich dann auch unsere Arbeit. Das sieht in der Regel so aus, dass Jens Fahreindrücke sammelt und ich diese mit den Kamera festhalte, bevor ich dann gegen Ende selbst zum Fahren komme.

Nach einem Video-Take, als ich wieder in den Wagen einsteige, strahlt er über das ganze Gesicht. Ich muss Dir was zeigen! Mann, ich muss Dir was zeigen! Muah! Das ist mein erster Gedanke. Was willst Du mir denn zeigen, was ich nicht selbst erfahren kann? Aber ich kenne Jens und will ihm den Spass auch nicht nehmen. Also lasse ich ihn auf einer Seitenstrasse halten. Er aktiviert das Sport+-Programm und drückt einmal deftig auf das Gaspedal. Der 3.8 Liter Turbo-Motor im Heck, von dem man leider so gar nichts sehen kann, wenn man die kleine Klappe vor dem Heckflügel öffnet, brüllt einmal auf und ich sehe aus dem Augenwinkel, dass sich etwas in dem Rundinstrument rechts neben dem zentralen Drehzahlmesser tut. „Launch Control aktiviert“ rutscht da von links in das kleine Farbdisplay, was in dem Rundinstrument eingebettet ist. Bevor ich auch nur weiterdenken kann, tritt Jens das Gaspedal durch und der Porsche 911 Turbo S (991) schnellt nach vorne. Ich werde dabei mit aller Kraft in den ledernen Sportsitz (beim Turbo S sind die S-Sportsitze verbaut, die sich 18fach elektrisch verstellen lassen) gepresst. Mein Magen reagiert sofort. Schiffsschaukel fahren ist nichts dagegen. Achterbahn extrem! So fühlt es sich an. Nach einem weiteren Augenschlag geht Jens auch schon wieder vom Gas und bremst den Porsche. Im Sport+-Programm mit aktivierter Launch Control zum Start benötigt der Überporsche gerade mal 3.1 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h. Die Beschleunigung, die man erfährt, möchte ich mit brutal krass!!! beschreiben. Am Ende des Fahrtages probiere ich es selbst noch einmal aus und stelle fest, dass der Magen sich auf der Fahrerseite deutlich besser anfühlt.

Schnell fahren kann ja jeder. Solange es geradeaus geht. Bremsen ist dann schon wieder eine andere Sache, die eigentlich jeder bei einem Fahrsicherheitstraining verinnerlichen sollte. Damit man den neuen 2013 Porsche 911 Turbo S auch schnell und sicher zum Stehen bringen kann, hat man ihm zunächst einmal größere (20″) Alufelgen verpasst. Unser Fahrzeug hatte übrigens – man sieht es auf den Fotos die 911 Turbo Felgen aufgesteckt, die Turbo S Felgen sieht man auf diesem Foto. Die größeren Felgen haben Platz geschaffen für eine größere Bremsanlage. Sechskolben- an der Vorderachse und Vierkolben-Alu-Monobloc-Bremssättel an der Hinterachse greifen auf gelochte und innenbelüftete Bremsscheiben mit 380 mm Durchmesser. So ist nicht nur das Gefühl der Beschleunigung imposant, auch bremst man den 911 Turbo S fast spielerisch von beispielsweise 240 km/h auf 120 km/h herunter.

Nigelnagel neu und wie für mich gemacht ist die neue mitlenkende Hinterachse. Neue Grenzen der Fahrdynamik betitelt Porsche dies in seinem Pressetext. Die aktive Hinterachslenkung besteht aus zwei elektromechanischen Aktuatoren, die anstelle der konventionellen Spurlenker links und rechts an der Hinterachse eingesetzt werden. heisst es da weiter. Ich verstehe nur Bahnhof. Das Prinzip aber, habe ich verstanden. Die Hinterachse kann mitlenken. Bei Geschwindigkeiten bis 50 km/h lenkt die Hinterachse mit den Vorderrädern und verkürzt somit den Wendekreis um einen halben Meter. Bei Geschwindigkeiten über 80 km/h lenken die Hinterräder gegen die Vorderräder, naja also in die gleiche Richtung. Ihr versteht mich schon, oder? Hört sich befremdlich an, macht aber Sinn. Der gefühlte Radstand des Sportwagens verlängert sich. Das bedeutet für den Fahrer mehr Stabilität bei Spurwechseln und damit mehr Fahrstabilität insbesondere bei hohen Geschwindigkeiten. Mehr noch: Der durch den Lenkimpuls des Fahrers ausgelöste Seitenkraftaufbau an der Hinterachse erfolgt deutlich schneller als bei einer ungelenkten Hinterachse, was zu einem spontaneren und harmonischeren Einleiten der Richtungsänderung führt. Habe ich das beim fahren bemerkt? Nein! Kann ich auch nicht beurteilen. Dazu hätte ich vielleicht den alten Turbo zum Vergleich fahren müssen. Die Erklärung der Technik ist aber durchaus logisch und ich kann festhalten, dass der Turbo in den Kurven – auch bei höheren Geschwindigkeiten – geradezu am Strassenbelag geklebt hat.

Ein Teil dieses mehr als angenehmen Kurvenfahrerlebnis ist auch dem Porsche Torque Vectoring Plus zuzuschreiben. Das System besteht aus einer elektronisch geregelten, vollvariablen Hinterachs- Quersperre und gezielten, individuellen Bremseingriffen am rechten beziehungsweise linken Hinterrad auf Fahrbahnoberflächen mit geringer Haftung. Dabei wird mit dem Einschlagen der Lenkung das kurveninnere Hinterrad leicht abgebremst. Dadurch erhält das kurvenäußere Hinterrad eine höhere Antriebskraft und ermöglicht einen zusätzlichen Drehimpuls in die eingeschlagene Richtung. Das Ergebnis ist ein direktes und dynamisches Einlenken in die Kurve. Bei niedrigen und mittleren Geschwindigkeiten erhöht PTV Plus auf diese Weise die Agilität und Lenkpräzision deutlich. Bei hohen Geschwindigkeiten sowie beim Herausbe- schleunigen aus Kurven tritt die Hinterachs-Quersperre in Aktion und sorgt zusätzlich für mehr Fahrstabilität. Was die Herren Ingenieure nicht alles zaubern, damit wir es einfacher beim Fahren haben – Toll!

Apropos fahren. Die Fahrgastzelle unseres 2013 Porsche 911 Turbo S (991) war mit rotem Leder ausgekleidet und mit Carbon-Zierteilen versehen. Das mag vielleicht nicht den Geschmack der Massen treffen, lässt sich aber schön fotografieren und zeigt auch die hohe Verarbeitungsqualität der Materialen viel besser als schwarzes Leder. In der Sportsitzen des Turbo S sitzt man hervoragend und allein durch die 18fache elektrische Verstellmöglichkeit findet man nach ein wenig ausprobieren auch die perfekte Sitzposition. Der Seitenhalt der Sitze ist klasse, das Sitzerlebnis trotzdem durchaus komfortabel. Auf den hinteren Plätzen kann man Kinder bis zu einem Alter von 10 Jahren setzen, danach fängt es an, eng zu werden.

Die hinteren Sitzen lassen sich aber auch umklappen und dann kann der Fond als zusätzlicher Kofferraum genutzt werden, der Platz für 260 Liter Gepäckvolumen bietet. Im Video zeigen wir das ganz schön – auf der Hutablage ist Platz für ein Kabinen-Trolley, davor sollte dann durchaus ein normaler Koffer passen. Unter der Kofferraumhaube vorne befindet sich dann ebenfalls noch ein Gepäckfach mit 115 Litern Stauvolumen (damit ist das Fach bei den Turbomodellen 20 Liter kleiner als bei den anderen 11ern). Das reicht immerhin, um 2 IATA-Kabinentrolleys einzuladen und sogar noch ein sperriges Stativ.

Beim Infotainmentsystem ist der Turbo wie die anderen Modelle ausgestattet. Navigation? Problemlos! Anbindung iPhone? Zack. Erledigt! Boxen? Das Premium-Soundsystem von Bose (darüber gibt es noch das System von Burmester, was ich in dem 2012 Porsche 911 Carrera S hatte – Link zum Fahrbericht meiner Probefahrt). Sehr ordentlich. Zudem hatte unser Modell eine Rückfahrkamera, die ich mir auch beim 2012 Porsche 911 Cabriolet (Link zum Fahrbericht meiner Probefahrt) gewünscht hätte, denn gerade nach hinten habe ich den Turbo nur bedingt als übersichtlich empfunden. Allerdings sieht man im Rückspiegel stets sehr schön den Heckflügel und kann mitverfolgen, wie der sich ausfährt. Ich fand das sehr schön.

Der Heckflügel. Im Vergleich zu seinem Urahn ist das „Servierbrett am Heck“ doch sehr dezent ausgefallen und ich finde den Flügel sogar so formschön, dass ich einige Fotos von ihm geknipst habe, und ich bin nicht so der Spoiler-Typ. Der Heckspoiler ist Teil des neuen adaptiven Aerodynamik-Konzept des Turbos. Sowohl der Heck- als auch der Frontspoiler kennen drei Zustände: Beim Start sind beide vollständig eingefahren. Dadurch erlaubt der nach hinten eingeklappte Bugspoiler einen deutlich größeren Böschungswinkel als das Vorgängermodell. Statt 7,8 Grad sind es jetzt 10,3 Grad, statt 139 Millimeter jetzt 156 Millimeter Bodenfreiheit. Damit verringert sich die Gefahr des “Aufsitzens” auf steilen Rampen von Parkhäusern oder an Bordsteinen drastisch auf ein Minimum. PAA behält diesen Modus bis zu einer Geschwindigkeit von 120 km/h bei, sofern der Fahrer nicht manuell über die entsprechende Aerodynamik- oder SPORT Plus-Taste eingreift. Danach wird der Speed-Modus angesteuert. Dabei fahren die beiden äußeren Segmente des drei- teiligen Frontspoilers aus. Die Luft wird dadurch verstärkt um die Karosserie herum geleitet und der Auftrieb an der Vorderachse verringert. Gleichzeitig schiebt sich der Heckflügel um 25 Millimeter nach oben. Das haben wir im Video ganz hübsch gezeigt. Beeindruckend ist auf jeden Fall, dass der Turbo mit dem PAA bei einer Geschwindigkeit von 300 km/h einen Abtrieb von 132 kg erzeugt, was der Querbeschleunigung zu Gute kommt.

So. Und wie fährt sich der 2013 Porsche 911 Turbo S (991) nun? Herrlich! Wie auf Schienen. Mit der nötigen Portion Kraft. Der 3.8 Liter Sechszylinder Boxermotor mit 560 PS hat ein maximales Drehmoment von 700 Nm bei 2.100 – 4.250/min, mit aktiviertem Sport+-Programm gibt es einen Boost auf 750 Nm bei 2.200 – 4.000/min. Von 0 auf 100 geht es in unglaublich kurzweiligen 3.1 Sekunden, für den Sprint von 0 auf 200 reichen dem 2013 Porsche 911 Turbo S 10.3 Sekunden (jeweils im Sport+-Programm). Ich wollte ja unbedingt auf die Autobahn. Dumme Idee. Die war nämlich voll! Und weil wir längst aus dem Alter herausgewachsen sind, wo man ALLES macht, um die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, haben wir diese auch wegen dem Verkehr nicht erreichen können. 318 km/h kann man mit dem Turbo S erreichen, und bis 270 km/h fährt er sich ganz entspannt.

Sportlich kann jeder, aber in Zuffenhausen ist man auch besonders stolz – zu Recht wie ich finde – auf die Effizienz des neuen 991 Turbo S. Der NEFZ-Verbrauch liegt bei 9.7 Litern. Bei unseren Videodrehs liegt der Verbrauch in der Regel sehr hoch, aber selbst die 16 Liter/100 km finde ich noch vertretbar.

Wenn Du den Porsche 911 Turbo S kaufst, dann hast Du ja in der Regel einen Plan. Du willst ein Auto, was Du in der Stadt, im Alltag, genauso bewegen kannst, wie auch auf der Rennstrecke. Dafür wurde der Turbo zumindest gebaut. Für mich persönlich ist der Turbo einen Hauch zu viel. Zu viel Leistung. Die Gewalt mit der der Turboschub einsetzt ist unglaublich. Es macht durchaus einen Heidenspass, aber aus reinem Selbstschutz ist der Turbo nichts für mich. Der Klang des Motors ist wundervoll. Ich habe ihn jedes Mal genossen bei dem Jens an mir vorbeigefahren ist. Aber ich komme mit dem Geräusch im Innenraum nicht klar. Da allen anderen, die ich gesprochen habe, dies ganz famos und toll fanden, wird es bei mir wohl etwas persönliches sein. Die Schallwellen die das Triebwerk bei der Fahrt erzeugt, erzeugen bei mir ein Brummen im Körper, was ich nicht angenehm finde. Ich bin wohl eher der Carrera-Porsche-Typ und nicht der Turbo-Mann. Apropos Carrera. Die Taste zum Ansteuern der Abgasklappen, um die Geräuschkulisse mal laut mal leise anzupassen, sucht man beim Turbo vergeblich. Es gibt keine.

Was mir bleibt, sind eine ganze Menge toller Erinnerungen und die Vorfreude, alsbald mal hin und wieder auf der Autobahn von einem Turbo überholt zu werden. Diesen erkennt man im Rückspiegel sehr geht durch den Tagfahrlicht-LED-Ring, um die eigentlichen Voll-LED-Scheinwerfer. Verdammt, die sehen wirklich klasse aus. Mit dem Kauf wird es bei mir wohl leider nichts. Die Basisvariante des 2013 Porsche 911 Turbo S (991) kostet 195.256 Euro. Mit ein wenig Ausstattung dann so viel wie 2 Carrera S Cabriolets. Und mein momentaner Budget lässt nicht mal zu, von einem Cabrio zu träumen.

Zu guter Letzt noch eine Galerie mit 63 Fotos und Detailbildern von unserm Testwagen, dem schwarzen 2013 Porsche 911 Turbo S (991):

Und weil alles so schön ist, hier auch noch unser Ausfahrt.tv-Video in englischer Sprache, in dem sich auch noch ein paar andere Szenen finden:

Wer immer noch nicht genug hat, dem empfehle ich mal noch fix folgende Artikel in meinem Blog: