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Energie, Scotty! 2013 BMW i3 – Fahrbericht meiner Probefahrt

Ich finde die deutschen Reaktionen auf den BMW i3 mehr als belustigend. Ich erinnere mich noch ganz gut an das Jahr 1999 als Audi auf den IAA den Audi A2 vorgestellt hat. Hässlich! Wie kann Audi nur? Was soll das? Sieht man heute noch mal einen A2, dann hören sich die Reaktionen meist ungleich anders an. Warum bauen sie den eigentlich nicht mehr. So ist das wohl, wenn man als Autobauer versucht, etwas wirklich Neues auf den Markt zu bringen. Und eben dies tut BMW mit dem Elektroauto i3 jetzt auch. Jens und ich sind das erste Mal überhaupt mit ganz unterschiedlichen Einstellungen zu einer Probefahrt geflogen. Ich finde den 2013 BMW i3 wirklich richtig spannend, Jens hingegen kann mit der Außenhülle so gar nichts anfangen.

Ich finde Elektroautos an sich spannend, würde mir aber nicht unbedingt so ein Auto kaufen. Das mag auf jeden Fall daran liegen, dass ich in Bielefeld wohne und des öfteres längere Strecken fahre. Die Elektroauto-Infastruktur ist nicht gerade rosig und mit einer Reichweite von 130 – 160 km (so die Angaben von BMW zum i3) komme ich auch nicht zum Flughafen Hannover und wieder zurück – das ist eine klassische Strecke, die ich mehrmals im Monat fahren muss. In Holland sieht das alles deutlich anders aus – zumindest in Amsterdam, wo die Fahrveranstaltung zum neuen BMW i3 stattgefunden hat. Parkplätze sind extrem rar und dazu noch ganz schön teuer. 24 Stunden in einer Tiefgarage in Amsterdam kosten mal eben 50 Euro. Elektrofahrzeuge hingegen dürfen auf vielen Parkplätzen kostenlos parken. Zudem gibt es scheinbar an jeder zweiten Strassenecke – ja, selbst in Wohngebieten etwas ausserhalb – Ladesäulen. Noch nie habe ich so viele Opel Ampera im Strassenbild gesehen. Nicht einmal in Rüsselsheim. Die Niederland fördern die Anschaffung von Elektrofahrzeugen zudem. Im Video der Autobild fragt der Kollege Sebastian Varchmin wahllos Passanten nach der nächsten Ladestation und bekommt tatsächlich Antworten. Ich wüsste jetzt adhoc nicht, wo man in Bielefeld laden kann.

BMW möchte ja auch noch weiter mit dem BMWi-Gedanken. Dahinter steckt ein ganzes Mobilitätskonzept, was sich über die passende iPhone.app sehr schon erklären lässt. Es geht eben gar nicht unbedingt mit dem eigenen Auto von A nach B zu kommen und das um jeden Preis. Vielmehr soll man auf dem effizientesten und ökologistischen Weg von A nach B gelangen. Da empfiehlt es sich beispielsweise, als dem Vorort mit dem BMW i3 zum Park-and-Ride-Parkplatz zu fahren und von dort an, den Zug zu nehmen. Das ist meist schneller als im Stau zu stehen und dann stundenlang einen Parkplatz zu suchen. Und während wir uns hier in Deutschland noch fragen, wie und wo wir unseren Strom denn in das Elektro-Auto bekommen, zieht man in China oder Brasilien mal eben neue Städte hoch, die dann auch gleich die nötige Infastruktur mitbringen (Nein, machen die noch nicht, aber ich denke mal, dass dies der nächste Schritt ist).

Aber zurück zum Auto, über den lässt sich nämlich auch so einiges schreiben. Als Einführung empfehle ich unsere Ausfahrt.tv-Video, was wir Euch selbstverständlich aus Amsterdam mitgebracht haben:

Ich fange erstmal mit meinem Hauptkritikpunkt an. Der Design wie auch die Ingenieure haben uns bei der Präsentation mit leuchtenden Augen erzählt, wie toll es doch war, beim Erschaffen des BMW i3 mitzuwirken, weil man wirklich bei Null angefangen hat. Man musste auf keine Altlasten Rücksicht nehmen, sondern konnte eben das für die gegebenen Anforderungen perfekte Auto schaffen. Um den i3 kompakt in der Länge (er ist keine 4 Meter lang) zu halten und dennoch mit vier Türen auszustatten, hat man auf eine B-Säule verzichtet und die Türen gegenläufig angebracht. Das hat den großen Nachteil, dass man die hintere Tür nicht öffnen kann, ohne eben die vordere Tür zu öffnen. Man kann (oder sollte) die hintere Tür auch nicht öffnen, wenn der Fahrer auf dem entsprechenden Vordersitz noch angeschnallt ist, weil der Gurt des Vordersitzes eben an der hinteren Tür angebracht ist – in dem beschriebenen Fall stranguliert man die Person auf dem Vordersitz mal eben lustig. Und zu guter Letzt – für mich mich am unpraktischsten – steigt man hinten ein, so kann man zwar die hintere Tür schliessen, kommt aber – auch nicht mit viel Verrenkungen an die vordere Tür. Die bleibt dann eben offen. Gerade wer Kinder hat, merkt hier sofort den Fehler. Das Kind bringt man gerne zur Schule. Im Idealfall sitzt es hinten im Kindersitz. Man hält so, dass es auf der rechten Seite aussteigen kann. Nun kann das Kind dies nicht alleine bewerkstelligen, sondern man muss selbst noch aus dem Wagen springen, um dem Kind die Tür zu öffnen. Unschön.

Allerdings will ich mich in den nächsten Tagen selbst mal in der Praxis beobachten. Ich meine nämlich, dass ich eh immer noch mit aussteige – sei es, um einen Kuss zu bekommen, das Kind auf der andere Strassenseite zu geleiten oder um den Kind noch eben die Gitarre aus dem Kofferraum zu geben. Für meine Kinder aber auf jeden Fall undenkbar – die nicht versenkbaren Fenster in den hinteren Türen. Da sollte BMW meines Erachtens vielleicht optional doch Fensterheber anbieten, selbst wenn sich die hohen Scheiben dann nicht ganz in den Türen versenken lassen. Auch wären für ein Fahrzeug eines Premieumherstellers – ob nun von Elektro- oder Verbrennermotor getrieben – ordentliche Leseleuchten für den Fond – wenn auch nur optional – nicht verkehrt. Aber vielleicht bin ich gedanklich noch nicht offen genug für das neue Konzept.

Apropos Kofferraum. Dieser ist mit 260 Litern Ladevolumen (ein Kabinen-Trolley und zwei Rucksäcke) alles andere als üppig. Aber für den 4-wöchigen Familienurlaub in der Toskana ist der BMW i3 ja auch nicht gedacht und für den Wochenendeinkauf reichen die 260 Liter locker. Zudem muss man den Einkauf zwar durchaus ein Stück hochheben, aber nicht noch über eine Ladekante wuchten. Klappt man die Rücksitzbänke um, entsteht eine plane Fläche und das Ladevolumen wächst auf 1.100 Liter an. Ich hatte leider meinen Zollstock vergessen, so dass ich nicht mit weiteren Massen dienen kann. Immerhin darf man den BMW i3 zu seinem Leergewicht von gerade mal 1.2 Tonnen noch mit weiteren 425 kg beladen.

Mag man die Außenhülle des BMW i3 nun hässlich, ungewöhnlich oder schön finden, beim Interieur scheinen sich die Geister nicht so zu scheiden. Jens war lediglich nicht so angetan von dem Material aus dem die Türverkleidungen erstellt werden nicht so genehm. Aber die Anordnung der Elemente – insbesondere das große, optisch freischwebende Display des Infotainment-Systems – ist meines Erachts sehr gelungen. Auch das belederte Lenkrad mit seinen beiden Speichen fügt sich wundervoll in die Fahrgastzelle ein. Es liegt zudem auch sehr schön in der Hand. Lediglich der futuristische Joystick zur Wahl der Fahrstufe ist für mich ein wenig too much future. Das jogshuttle in der Mittelcosole hingegen ist BMW-Standard und sitzt ergonomisch gut. Ich muss gestehen, dass ich mit dem BMW-Infotainment-System immer noch nicht so ganz warm geworden bin, das wird sich hoffentlich im nächsten Monat ändern, wenn ich 2 Wochen lang im Alltag einen BMW bewegen kann. Das Navigationssystem Professional gehört im BMW i3 zur Serienausstattung und zeigt sehr schön die vorhandenen Ladesäulen in der Umgebung an. Zudem gibt es einen Reichweitenassistent, der den Fahrer dabei unterstützt von A nach B zu kommen, auch wenn A und B mehr als einen Batterie-Ladung auseinander liegen. Auch kann man sich sehr schön auf der Strassenkarte zeigen lassen, bis zu welchem Radius man mit der verbleibenden Batterieladung noch kommt. Das Navigationssystem selbst hat uns – sogar in den manchmal vertrackt wirren Kreuzungsverzweigungen in Amsterdam – ordentlich geleistet. Zum Infotainment-System – Anbinden von iPhone per Bluetooth oder Steckplatz ging problemlos, zudem gibt es noch einen USB- und einen Aux-Eingang – war unser Testwagen mit einem Harman/Kardon-Soundsystem ausgestattet, dass sich sehr ordentlich anhörte. Möglicherweise hört sich die Musik im Stromer auch noch ein wenig besser an, weil ja die Motorengeräusche fehlen?

Ja, leise ist er auf jeden Fall, der BMW i3. Auf ein künstliches Motorengeräusch hat man gänzlich verzichtet. Ich finde das OK, denn das sanfte Abrollgeräusch der 19″ großen, aber sehr schmalen Räder vermittelt einem durchaus ein gutes Gefühl zur aktuellen Geschwindigkeit. Bis zu 150 km/h wird der BMW i3 schnell, danach wird elektronisch abgeregelt. Die 100 km/h Marke erreicht er aus dem Stand in 7.2 Sekunden. Gefühlt fängt er mit dem Beschleunigen erst eher ruhiger an und zündet dann zwischendurch eine Brennstufe, die ihn nach vorne schnellen lässt. Untermotorisiert habe ich mich zur keiner Zeit gefühlt – weder in der Stadt, noch auf der Landstrasse oder der Autobahn. Nachstehend ein kleines 0 auf 130 km/h Video, um mal ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich die 7.2 Sekunden so anfühlen mit demBlick auf den Tacho (bei dem übrigens nur eine kleine Fläche wirklich als Display benutzt wird, was ich aber gut finde – auch keine wild blinkenden Öko-Displays – nur die Informationen, die man wirklich braucht).

Als sehr angenehm habe ich den Stromer auf jeden Fall in der Stadt empfunden. Man muss wirklich wenig bremsen. Geht man vom Gas, versucht der BMW i3 ein wenig Energie zurück zu gewinnen – rekuperieren heisst das im Fachjargon – wie auch immer – beim Fahren ist es sehr lässig. Lässig ist man auch unterwegs. Man sitzt ja ein wenig höher, eben so wie in einem Kompakt-SUV. Somit ist auch das Einsteigen sehr bequem, auch wenn ich ein paar Mal mit meinem Fuss an einer der drei Einstiegskanten hängen geblieben bin. Man hat also eine gute Sicht nach vorne. übrigens ist auch die Rundumsicht gut. Ich habe diese Sehschlitze in der C-Säule ja belächelt, aber gerade in Amsterdam, wo immer und überall von allen Seiten aus dem Nichts Radfahrer auftauchen, waren sie sehr dienlich. Zurück zur SUV-Sitzposition. Man sitzt zwar hoch, der Wagen fährt sich aber nicht wie ein SUV, sondern eher wie ein normaler Kompakter. Keine unschönen Lastwechsel, kein Aufschaukeln. Das liegt an dem tiefen Schwerpunkt, den man durch die Lagerung der Batterie im Fahrzeugboden, erzeugt hat. Auch hat es wohl etwas mit den schmalen Rädern zu tun. Achja. Will it drift? Beim BMW i3 werden die Hinterräder mit Kraft versorgen – mit einem maximalen Drehmoment von 250 Nm. Allerdings lässt sich das ESP nicht ausschalten, es ist nicht einmal ein Schalter dafür vorgesehen. Als theoretisch kann er driften, man muss sich eben nur in System hacken – haha. Beim Fahren stehen drei Fahrstufen zur Auswahl. Komfort, da spielt Strom keine Rolle. ECO PRO, da wird schon Energie gespart und ECO PRO+, da wird die Klimaanlage ausgeschaltet und die Höchstgeschwindigkeit auf 90 km/h abgeregelt (nicht wirklich, ein beherzter Tritt aufs Gaspedal hilft – so soll es sein, manchmal braucht man ja auch mal Schub, um aus einer Gefahrensituation zu kommen).

Unser Fahrzeug hatte weder eine Rückfahrkamera noch Parksensoren vorne. Beides soll es aber optinal geben. Dazu gibt es noch allerlei Assistenten, die man heute schon aus „herkömmlichen Fahrzeugen“ kennt. Adaptive Geschwindigkeitsregelung. Stauassistent. Kollisionen-Assistent. Alles, was uns beim Fahren heute hilft, gibt es auch im Stromer. Was man im Einzelnen im BMW i3 sehen möchte, bestimmt man mit Hilfe der Aufpreisliste. In der Basis kostet der BMW i3 34.950 Euro. Wer sich Reichweiten-technisch Absichern möchte, der nimmt das Modell mit Rage Extender, was 39.450 Euro kostet. Der 2-Zylinder Benzinmotor – entliehen aus dem BMW-Roller – war bei unserem Testwagen nicht verbaut, ich kann also nichts über die Geräuschentwicklung sagen. Er verdoppelt die Reichweite des BMW i3 mit Hilfe eines 9 Liter-Tanks. Das Interieur-Paket unseres Testwagens nennt sich übrigens „SUITE“ und kostet 2.990 Euro Aufpreis. Das solar orange unseres Testwagens wäre auch meine favorisierte Farbe, obwohl er auch in weiß schick daher kommt.

Mein Fazit: Der BMW i3 ist ein spannendes Auto und wäre für mich noch interessanter, wenn ich in Berlin oder Amsterdam leben würde. Ich denke, dass BMW seinen Teil dazu beträgt, dass Stromer noch ein wenig populärer werden. Wenn nicht in Deutschland, dann eben im Rest der Welt. Das Interesse auf Hollands Strassen war auf jeden Fall immens. Gerne werde ich für mich mal ein Elektroautos konsequent im Alltag testen, aktuell fehlt mir dafür die Zeit. BMW steht für Premium und Premium heisst eben nicht billig. So wird man auch auf den Basispreis des BMW i3 wie bei jedem anderen Wagen einen ordentlichen Aufschlag rechnen müssen, wenn man eine nette Ausstattung haben möchte. Wer in einer Metropole wohnt und das nötige Kleingeld hat, sollte sich den BMW i3 auf jeden Fall genauer ansehen, das Auto fährt sich klasse und das Konzept ist gut (Optional kann man sich beim Kauf übrigens auch die Möglichkeit dazubuchen, hin und wieder einen Benziner aus dem Hause BMW zu fahren).

Mehr zum BMW i3 in meinem Beitrag „Alle Daten und Fakten zum BMW i3„. Weiter empfehle ich die Lektüre der Beiträge von Jens, Lisa und Benny, die ebenfalls mit mir vor Ort waren. In der nachstehenden Galerie wie immer noch einiges an Fotos und Detailbildern zum neuen 2013 BMW i3:

Und zu guter Letzt, wer nicht genug vom BMW i3 bekommen hat, hier habe ich noch unser zweites Aufahrt.tv-Video – dies ist allerdings in Englisch gesprochen: