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Traum erfüllt: mit dem Lamborghini Aventador LP 700-4 auf der deutschen Autobahn – Fahrbericht meiner Probefahrt #AudiGRT13

Der Flughafen München verfügt aktuell über zwei Terminals (ein drittes ist wohl in Bau). Wer von einem zu anderen möchte, muss einen großen Platz überqueren. Nimmt man aber an der einen Seite die Rolltreppe, so steht man vor dem Audi Forum. Und eben auf dieser Rolltreppe stand ich jüngst – mit bedenklichen Herzklopfen. Ich kam mir selbst schon ziemlich lächerlich vor, denn ich hatte eben nicht nur diese Herzklopfen, sondern die Nacht vorher nur 2.5 Stunden geschlagen. Und das alles nur wegen einem Auto. Mensch, Du bist doch ein erwachsener Kerl! höre ich meine eigene Stimme. Lächerlich! Nicht die Herzklopfen, sondern die Vernunft, die sich da zu melden versucht.

Als ich die Rolltreppe meine Augen auf Höhe der zu erklimmenden Etage hebt, offenbart sich der Grund meiner Aufregung. Ich war am Vorabend um 23 Uhr ins Bett gegangen, schliesslich musste ich um 4 Uhr schon wieder aufstehen und ich wollte doch so unbedingt am nächsten Morgen fit und hellwach sein. Hellwach war ich auch. Die nächsten 3 Stunden. Ein Lamborghini Aventador LP 700-4. Bringt mich so aus dem Häuschen. Ja! Und ich erinnere mich noch gut, wie er das erste Mal für sich eingenommen hat. Auf der IAA 2011. Damals hatte ich eine Liste von Neuvorstellungen, die fotografieren wollte. Der Lambo war nicht auf der Liste. Ich mache mir doch nichts aus diesen überteuerten Luxus-Supercars. Was für eine Verschwendung. So ineffizient. Protzerkarren eben. Und dann stand ich da in Frankfurt. Starre auf eine weisse Flunder, die sich da gedrungen auf dem Messestand zeigt und verliere jedes Gefühl für Raum und Zeit. Irgendwann. Echt jetzt. Irgendwann will ich den mal fahren.

Irgendwann ist, an jedem Tag in München, heute. Und ich geniesse, wie er sich mir präsentiert. Wie er seinen Auftritt durch die langsame Aufwärtsbewegung der Rolltreppe hat. Wie sich mir das wuchtige orange Heck präsentiert. Bis ich dann auch seinen gläsenern Rücken sehe – die Motorabdeckung, die jedem Betrachter stets den Blick das das 700 PS starke 6.5 Liter V12 Triebwerk gewährt. Da steht er. Flankiert von zwei Audis – einem RS7 Sportback und einem RS6 Avant, die mit ihrer matten daytonagrauen Lackierung den Lamborghini Aventador LP 700-4 noch auffälliger hervorstechen lassen. Bleib cool, Jan! – Ach, halt die Fresse den Mund! Lass mich den Moment geniessen. Und den geniesse ich auch. Nicht nur den Moment, den ganzen Tag. Und auch noch den darauf folgenden.

Zusammen mit Kim-Christopher Granz, Moritz Nolte und Jens Stratmann werde ich den Lamborghini Aventador von München nach Bologna (Audi Group Road Trip lautet der Arbeitstitel #audigrt13 der passende Hashtag) überführen. 615 Kilometer und davon einige Kilometer auf der deutschen Autobahn – was ich mir so gewünscht habe. Ich will ja gar nicht die Höchstgeschwindigkeit von 350 km/h erreichen. Aber ich Gas geben dürfen. Nach einem kurzen Briefing. Und ich sage den Jungs sofort, dass ich als Erster fahren will. Ich will kein Schnick-Schnack-Schnuck. Kein Streichhölzer. Ich will in mein Auto. Und ich darf auch. Danke, Jungs!

Zwei freundliche Audi-Techniker begleiten uns bei diesem Trip. Und ich habe noch nie so genau bei einer Fahrzeug-Einweisung zugehört. Normalerweise überspannen Fahrzeugeinweisungen immer meinen hauchdünnen Geduldsfaden. Nicht so an diesem Tag. Zum einen will ich mich nicht zum Horst machen, zum anderen nicht dem Stier irgendwelchen Schaden zuführen. Bei einem Basispreis von schlappen 320.000 Euro wohl durchaus verständlich, oder? Am Rande – beim Ölwechsel eines Aventador wollen 24 (!) Liter getauscht werden. Das sind fast 5 Party-Bier-Fässer. Wer mag kann sich auch ausrechnen, was allein das Hochleistungsöl kostet, was man da einschenkt.

Die 7-Gang-Automatik verfügt über keinen Wahlhebel. Man startet den Lambo über einen Knopf, der wie in einem Jet von einer knallroten Kappe geschützt wird, die man erst hochklappen muss. Sogleich brüllt das Triebwerk einmal heiser auf. Um nun vorwärts fahren zu können, muss man an der rechten Schaltwippe einmal ziehen. Der Aventador bleibt jedoch erstmal stoisch stehen. Erst ein leichter Druck auf das Gaspedal setzt die orangene Flunder in Bewegung. Orange hört sich fast ein bisschen profan an – Lamborghini nennt diese Farbe Arancio Argos. Am Ende des Mitteltunnels befindet sich noch ein Knopf mit dessen Hilfe man den Rückwärtsgang einlegen kann (der dann auch übrigens dankenswerter Weise die Rückfahrkamera aktiviert mit deren Hilfe man den Boliden durchaus handhabbar einparken kann). Aber jetzt soll es erst einmal vorwärts gehen.

Und da habe ich schon meine ersten beiden Probleme. Wie viel Druck gebe ich mit meinem Fuss auf das Gaspedal eines Boliden, der im Maximalbereich 690 Nm an beide Achsen verteilt abgibt? Und dann ist da noch diese Kleinigkeit. Die Bordsteinkante, die ich heruntermuss. Ja, man kann den Lambo für solche Geschichten etwas anheben lassen. Dafür gibt es eigens eine Taste in der Mittelkonsole. Langsam deutet mir der freundliche Audi-Mitarbeiter. Ach was? Das lederummantelte Sportlenkrad der Flunder ist an den Griffstellen dankenswerter Weise aufgeraut, so dass ich mir zumindest keine Sorgen machen muss, dass meine – ganz ganz ganz leicht schwitzigen – Hände abrutschen könnten. Das mit dem Gas geben klappt aber prima und ohne Aufzusetzen nehme ich das erste Hindernis. So jetzt aber.

Kommt der nächste Knackpunkt. Die Münchener Taxifahrer protestieren gegen überhöhte Gebühren, die sie beim Anfahren des Flughafen zahlen müssen. So schiebt sich ein nicht enden wollender Convoy auf der Spur entlang auf die ich eigentlich möchte. Mein Schulterblick führt ins Schwarze. Ist sinnlos. Der Schulterblick im Aventador. Da sitzt die B-Säule in Einheit mit der C-Säule und versperrt die Sicht. Dann kommt die Lücke und ich gebe ein wenig beherzter Gas. Im Folgenden mache ich mir nie wieder Sorgen, ob ich mit dem Aventador in eine Lücke stoßen kann.

Es war mir klar, dass wir zunächst durch München fahren mussten. Aber „durch“ hatte ich mir mit „drumherum“ übersetzt. Da gibt es doch einige Ringe. Aber nein. Unsere Route führt durch die Stadt. Auf der positiven Seite „Ey guck mal, guck mal, guck mal, ich fahre in meinem Lamborghini Aventador!“. Auf der negativen Seite – der Aventador ist kein Stadtauto. Der Federungskomfort ist begrenzt – wohl aber vorhanden. Und im Aventador steht man auch nicht besser im Stau als in jedem anderen Auto. Immerhin sind die Ledersitze mehr als bequem und ich kann mich an die Schiessscharte, die man bei anderen Autos Frontscheibe nennt gewöhnen. Bei ersten Einsteigen habe ich noch gedacht, dass man da doch gar nichts sieht. Nach 20 Minuten weiss ich, dass man alles sieht, was man sehen muss.

Gefühlt 3 Stunden später sehe ich endlich das Schild, auf das ich die ganze Zeit gewartet habe. Geschwindigkeitsbeschränkung aufgehoben. YES! JA! Ein Blick in die riesigen, aber meiner Meinung nach extrem sinnlichen Aussenspiegel. Von hinten kommt nichts. Nun noch in der Mittelkonsole vom Programm STRADA auf SPORT gedrückt (zur Auswahl steht auch noch CORSA. Bei den ersten beiden Programmen schaltet der Aventador selbstständig, wenn man nicht gerade die „M“-Taste neben dem Rückwärtsgang-Knopf drückt, bei CORSA muss man selbst schalten. Weiter sind auch noch die Servotronic-Kennlinien der Lenkung, Siebengang die Schaltcharakteristik des ISR-Getriebe und die ESP/ABS-Charakteristik von dem gewählten Programm abhängig). Und dann den Fuss mal schön und fest aufs Gaspedal. Und dann. Passiert irgendwie nichts. Was setze ich an, aber das zur Hölle bleibt mir im Hals stecken. Der Stier verpasst mir einen ordentlichen Tritt in den Rücken und schnellt nach vorne als würden vor uns 100 Mann ihre roten Fahnen schwenken. Bei jedem Gangwechsel gibt es einen neuen Tritt in den Rücken. Wahnsinn.

Im Rückspiegel erhasche ich wie sich der Heckflügel aufstellt (er bewegt sich in drei Stufen, abhängig von Geschwindigkeit und Drive Select Mode). Im Heck brüllen 12 Zylinder. VORWÄRTS! Bei 290 km/h gehe ich vom Gas. Könnte der Fahrer des silbernen Opel Corsa auf der linken Spur 900m vor mir bitte – BITTE!!! – mal wieder zurück die mittlere Spur hüpfen? Nein. Kann er nicht. Immerhin. Kann ich auch mal die Bremsen ausprobieren. Schwups greifen die beiden Sechskolben-Bremssättel vorne und die beiden Vierkolben-Bremssättel hinten mal herzhaft in die passenden Carbon-Ceramic-Bremsscheiben. Toll. Bremsen kann er auch. Und wie. Also wieder aufs Gas.

Neben mir rutscht Kim auf dem Beifahrersitz herum. Stimmt. Da waren doch noch drei andere Gestalten. Soll ich am nächsten Parkplatz raus zum Fahrerwechsel frage ich mit gedämpfter Stimme – in der Hoffnung, der wundervolle Motorsound möge verhindern, dass die Schallwellen meiner Worte nicht die rechten Seite erreichen. Kim nickt mit einem glänzen in den Augen. Mist! Vor Selbstvertrauen strotzend lenke ich den Boliden also auf den nächsten Parkplatz und halte. Der Motor verstummt. Hupps? Nein, die Start-Stop-Automatik, die sich der Umwelt zuliebe nun auch in einem Lamborghini Aventador findet. Wirkt ein wenig lächerlich, wird aber seinen Teil dazu beitragen, dass Lamborghini den NEFZ-Verbrauch mit im Mittel mit 17,2 l/100 km angeben kann. Und nur am Rande – in der Stadt nimmt er 27,3 l/100 km – weisst Bescheid, wenn Du das nächste Mal einen Poser siehst, der im Lambo durch die Innenstadt kutschiert.

Zwischen Tür und Fahrersitz befindet sich ein Schalter, mit dem man die Scherentür entriegelt und sie dann locker nach vorne aufstossen kann. Sieht nicht nur sexy aus, macht auch Sinn. So kann man nämlich sich auch in engeren Parklücken auch dem Sitz wuchten. Wären die langen Türen „normal“ vorne angeschlagen, bräuchte man deutlich mehr Platz zur Seite. Einsteigen macht deutlich mehr Spass als Aussteigen. Eher unbeholfen hebe ich meinen Schinken erstmal auf den Schweller und wuchte dann meinen etwas zu wohl genährten Körper ins Freie. Breit grinsend im Übrigen. Und doch mit etwas Wehmut als ich sehe, wie es sich Kim am Lenkrad bequem macht. Die Sitze lassen sich elektrisch verstellen und verfügen auch über eine mollige Sitzheizung. Das Lenkrad muss man manuell verstellen, dafür bieten die langen Verstellmöglichkeiten die optimale Position für jeden Fahrer.

Ich fahre gerne mit Kim. Der lässt es immer langsam angehen. Erstmal an das Auto gewöhnen. Also nicht in 2.7 Sekunden von 0 auf 100 km/h vom Parkplatz runter. Erstmal schön eingewöhnen. Dabei schaltet der 12-Zylinder übrigens auch der Umwelt zuliebe mal eben 6 Zylinder ab. Wenn nicht die komplette Leistung abgerufen wird, agiert das Triebwerk nämlich als freundlicher Reihen-6-Zylinder. Lange dauert die Pause nicht. Dann hat Kim sich eingelebt und ich sehe die rote Nadel des zentralen Drehzahlmessers artig Halbkreise drehen. Um die Geschwindigkeit abzulesen muss ich much weit nach links beugen. Diese wird eher klein im dem TFT abgebildet, welches das Rundinstrument in Pixeln nachzeichnet. Italienisch üblich ist es hübsch bunt und nicht gerade das was man von Audi gewöhnt ist – nüchtern und sachlich.

Einen Fahrwechsel weiter haben Jens und Moritz den Lambo übernommen. Ich sitze mit Kim im Audi RS7. Es gibt wirklich unangenehmere Fahrzeuge, um einem Lamborghini hinterher zu fahren. Der RS7 verfügt immerhin selbst über stolze 560 PS. Aber selbst beim voll durchgedrücktem Gaspedal entschwindet der Lambo dann doch nach und nach. Was uns bleibt ist der Klang des Aventador. Auch wenn wir ihn nicht sehen, wir hören ihn. Was für ein wundervoller Klang!

Auf der Wegstrecke bekomme ich noch weitere zwei Mal die Gelegenheit, mich selbst hinter das Lenkrad meines Traumautos zu setzen. Das letzte Mal ist eher eine Folter. Auf der italienischen Autobahn. Maximal 130 km/h mit der Gewissheit, dass ich mir ein Tempoverstoss in Italien auch überhaupt nicht leisten kann. Davor noch einmal auf der Landstrasse in Österreich, wo der Aventador mir zeigt, dass er nicht nur schnell geradeaus fahren kann, sondern auch eine Menge Spass auf kurvigen Landstrassen macht.

Mein Fazit: Ich will mir da nichts anmassen. Ich bin den Lamborghini Aventador vielleicht insgesamt 3 Stunden gefahren. Er macht mir sehr viel Spass gemacht. Es war mein Herzenswunsch, ein Traum der sich erfüllt hat. Traumautos zu fahren hat einen Haken. Man steigt mit einer unglaublich hohen Erwartungshaltung in den Fahrzeug ein. Ich kann festhalten, dass ich nicht enttäuscht wurde.

Ein Freund hat mich vor ein paar Tagen gefragt, für welches der ganzen Supercars, die ich in den letzten Wochen gefahren bin – und das waren ja wirklich unglaublich viele – mit dem Nissan GTR auf der Rennstrecke, den neuen 2013 Porsche 911 Turbo S (991) in Bad Driburg, den Mercedes-Benz SLS GT zu Hause in Bielefeld, den Lamborghini Aventador von München nach Italien und dann auch noch den McLaren MP4-12C Spyder in Bielefeld, ich mich entscheiden würde, wenn ich denn müsste. Ich mochte die Frage nicht beantworten. Jedes der Fahrzeuge hat viel Spass gemacht, hatte seine besonderen Stärken. Ich kann so langsam die superreichen Leute verstehen, die mehrere Boliden in der Garage haben.

Wer sich für mehr Einzelheiten und technische Details interessiert, ich habe eben schon den Beitrag Alle Daten und Frakten zum Lamborghini Aventador LP 700-4 veröffentlicht, in dem ich die passende Pressemitteilung zitiere, die ich selbst mehrmals gelesen habe … Weiter Artikel zum Roadtrip – unter anderem dem Besuch in der Lamborghini-Manufaktur finden sich unter dem Tag #AudiGRT13 hier im Blog. Mehr zu unserem Trip auch bei Jens im Blog. Und wie immer biete ich Euch nachstehend noch eine Galerie mit weiteren Fotos von „meinem“ Lamborghini Aventador LP 700-4 an: