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Michelin Winterreifen-Workshop in Finnland auf einem Eissee

Gastbeitrag: Der nachstehende Beitrag entstammt der Tastatur von Journalistin Sarah Sauer, die in unregelmäßigen Abständen mit ihrer Schreibe auch auto-geil.de veredelt. Mehr von Sarah findet ihr in den Ruhr Nachrichten oder auch unter ausfahrt.tv.

Ich gebe direkt zu: Mein Auto fährt auf Alljahresreifen. Die Begründung dürfte jedem hinlänglich bekannt sein: „Das bisschen Schnee, was im Ruhrgebiet – wenn überhaupt – runterkommt….“. Ein Totschlagargument. Möchte man meinen. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn das, was ich bei einem Winterreifen-Praxis-Workshop mit Michelin in Finnland erlebt habe, hat mich nachhaltig beeindruckt.

Da steh ich also auf dem 60 Zentimeter dick zugefrorenen See mit dem vergleichsweise easy auszusprechenden Namen Pasasjärvi im lappländischen Nirgendwo, um mich herum strahlendstes Einheitsweißgrau und vor mir zwei VW Touareg. Jetzt gilt es, die Probe aufs Exempel zu machen: Sommerreifen versus Winterreifen. Wohlgemerkt: Unter der dünnen Pulverschneeschicht verbirgt sich nichts als Eis. Ich wundere mich, dass der Sommerreifen-Touareg überhaupt anfährt. Vollgas soll ich laut Instruktor Frank Schmitz geben. Ein Witz. Mit durchgetretenem Gaspedal zieh ich das Auto eine gefühlte Ewigkeit lang auf 45 km/h hoch, dann soll ich bremsen. Bis ich wirklich stehe, dauert es. Sehr. Nicht gut. Jetzt geht es in Kurven um die Pilonen. Ein Horror. Das Gripniveau scheint bei Null zu liegen. Sowie ich bremse, wird es schlimmer. Der Touareg schießt direkt geradeaus, und ganz bestimmt nicht dorthin, wo ich ihn haben will. Irgendwie schlinger ich zurück zur Startlinie und komme nach einer mühseligen 180-Grad-Kehre zum Stehen.

Wer jetzt argumentieren möchte, dass man aber für gewöhnlich nicht in Finnland auf gefrorenen Seen herumfährt, mag damit einerseits Recht haben. Andererseits aber habe ich den gleichen Effekt durchaus auch hier in Deutschland oder andern Gegenden – bei Eisregen, beispielsweise. Spätestens dann wird klar, wie sinnvoll das Umrüsten von Sommer- auf Winterreifen wird. Man stelle sich nur einmal Kinder am Straßenrand vor. Und dann den beschriebenen Kontrollverlust über das Auto. Szenarien, die man sich nicht weiter ausmalen möchte. Das Fahren auf Sommerreifen im Winter birgt tödliche Gefahren – für die Insassen genauso wie für Passanten und andere Autofahrer.

Natürlich birgt auch das Unterwegs sein auf Winterreifen Risiken. Dennoch ist das Handling ein ganz anderes, wie ich nach dem Umsatteln auf den winterbereiften Touareg registriere. Das Beschleunigen unter Vollgas fühlt sich an, als sei ich auf normalen Asphalt unterwegs. Der Bremsweg ist deutlich kürzer. Das Herumkurven um die Pilonen ist kontrollierter, sicherer. Warum? Die Lauffläche der Winterreifen hat viele, viele Profilkanten und Lamellen, die sich regelrecht in den Schnee verbeißen und für mehr Traktion sorgen. Die Gummimischung auf Basis von Silica und Sonnenblumenöl (!) trägt zu einer guten Haftung bei. So kann ich präziser lenken und fühle mich nicht vollends verloren. Außerdem wird mir das auf Dauer ungesunde Ausschütten des Stresshormons Cortisol erspart, denn Kontrollverluste gehören zu DEN Stressfaktoren überhaupt.

Jetzt würde ich gern wissen, wie sich ein Ganzjahresreifen verhält. Da bin ich hier aber falsch. Michelin produziert diese Reifen nicht. „Wir wollen keine Kompromisse eingehen. Es ist physikalisch und chemisch nicht machbar, einen High-Performance-Reifen für minus 40 bis plus 40 Grad zu kreieren“, sagt Thomas Obernesser, zuständig für Test und Technik bei Michelin. Hm. Für mich als Ganzjahresreifenfahrerin eine kleine Kampfansage. Ich komme ins Grübeln: Sooo viel Schnee und Eis gibt es aber doch in meiner Region nicht… – „93 Prozent der Unfälle mit Personenschaden im Winter passieren auf trockener oder nasser Straße“, setzt Obernesser wieder an. Das hätte ich nicht gedacht. Was man meiner Meinung nach tatsächlich schnell vergisst: Winter ist eben nicht nur Schnee und Eis, sondern auch trocken und regnerisch.

Nun muss ich das Nachdenken vorerst verschieben – genauso wie den Sitz des Autos in dem ich nun sitze: Im Porsche Carrera 911 4S dürfen die Teilnehmer des Workshops jetzt über das Eis brettern. Kein Geringerer als internationaler deutscher Rallye-Meister Armin Schwarz gibt uns per Funk wichtige Instruktionen, damit wir aus den vielen Kurven nicht rausfliegen, sondern am besten ganz lässig quer durchdriften. Jetzt sind es die Glückshormone, die sich in meinem Kopf in Startposition begeben haben. Allein der Sound, dieses Bellen des Motors, macht Laune. Mein Drift-Talent allerdings hält sich in Grenzen. Die paar Male, in denen mir das Querfahren gelingt, sind eher Zufall denn Können. Ich lenke etwas zu hektisch bzw. öffne die Lenkung zu spät, sodass es meinen Beifahrer Moritz Nolte – sorry noch mal! – und mich hin- und herreißt. Außerdem ist es ungewohnt, in der Kurve nicht einfach auf die Bremse zu gehen, sondern mit dem Gaspedal zu arbeiten. Und dann kommt es ja auch noch auf den Antrieb an!

Wo der Allrad-Porsche in der Kurve mehr Gas benötigt, ist es im Golf 7 mit Frontantrieb etwas anders: Hier wollen die Instruktoren einen Lastwechsel sehen. Aha. Ich lerne: Unter Last in die Kurve einfahren, vom Gas gehen = Lastwechsel, dadurch dreht sich das Heck etwas ein und unterstützt den Lenkvorgang. So die Theorie. Die Umsetzung ist eine andere. Zehenspitzengefühl, Fingerspitzengefühl und Popogefühl sind gefragt. Ein bisschen viel auf einmal. Deshalb war ich mal so frei und hab den Armin gefragt, ob er’s mir mal richtig zeigen könne. Er kann. Konnte.

Nochmal umgestiegen in den Porsche, sind wir mal eben mit über 200 Sachen übers Eis gerast. Jubel, Trubel, Heiterkeit – doch es geht noch krasser. Denn nach dieser exklusiven Taxifahrt gab es noch eine weitere. Und zwar eine solche, bei der wir einen Helm aufsetzen mussten. Und wo wir von einem Käfig umgeben waren. Und wo die Räder mit langen Spikes ausgestattet waren. Und es keinerlei technische Unterstützung á la ASR, ABS etc. gab. Im Subaru WRX STI wurden wir von den Instruktoren so dermaßen übers Eis gejagt, dass nur noch eines blieb: Grenzdebiles Lachen. Und das Gefühl, fliegen zu können.