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Lass den Pitbull von der Leine! – Fahrbericht zu meiner Probefahrt mit dem 2015 BMW X6 xDrive50i (F16)

In den letzten Jahren haben die Hersteller weltweit diverse Fahrzeuge vorgestellt und produziert, die einfach „über“ waren. Der BMW X6 gehört meiner Meinung seit seiner Vorstellung 2008 nach auf jeden Fall. Unten SUV, oben Coupé. Welchen Sinn hat dieses Fahrzeug? schreien mich meine grauen Zellen an, als ich vor ein paar Tagen in Spartanburg, USA vor der zweiten Produktgeneration des SAC (Sport Activity Coupé), einem weißen 2015 BMW X6 xDrive50i (F16), stehe. Sinn? Gilt das Auto doch als das Lieblingsspielzeug Nummer Eins der Deutschen, ist es schon verwunderlich, dass der BMW X6 sich in unseren Breiten immer wieder der Sinn-Frage stellen muss.

Die Frage nach dem Sinn des X6 darf man dann wohl in Deutschland auch nur hinter vorgehaltener Hand beantworten. Weil er mir Spass macht und weil ich ihn mir leisten kann! Ja, in den Zeiten, wo wir ja nicht wissen, ob wir morgen noch Geld haben, tritt das Schöne, tritt der Spass im Allgemeinen doch leider viel zu oft in den Hintergrund. Der Einstiegspreis des X6 liegt mit dem xDrive30d bei 65.650 Euro. Der X5, der im Übrigen ja auch mehr Platz im Innenraum bietet, kostet als xDrive30d über 5.000 Euro weniger, das nackte Modell ist für 60.100 Euro zu haben. Unfassbar! Wer kauft denn bitte so ein Auto? Immerhin 260.000 X6 wurden innerhalb der letzten 6 Jahre abgesetzt. Wer den X6 des öfteren auf der Strasse sehen will, muss in Nord-Amerika, Russland und China schauen. Das liegen die Hauptmärkte, da darf man auch zeigen, dass man Geld hat. Dort kauft man sich anscheinend noch Autos, einfach weil sie Spass machen und nicht, weil sie über den größten Kofferraum im Segment verfügen.


Video „2015 BMW X6 F16 xDrive50i V8 – Fahrbericht – Test – Review – German – Deutsch“ auf Youtube ansehen.

Im Juni dieses Jahres durfte ich schon mal mit dem kleinen Bruder des X6, dem 2014 BMW X4 xDrive35i (F26) Kontakt aufnehmen. Damals habe ich für mich festgehalten, dass ich das SAC-Fahrzeugkonzept zwar aussergewöhnlich, aber längst nicht hässlich finde. Lediglich die Freude am Fahren wollte bei mir damals nicht so recht aufkommen. In spätsommerlichen, zumindest den Temperaturen nach, South Caroline, wo BMW – vom X1 mal angesehen – seine komplette X-Flotte fertigen lässt, stehe ich nun also vor dem neuen 2015 BMW X6 xDrive50i, der nunmehr auf das Produktkürzel F16 hört. Die Namensgleichheit mit dem einstrahligen Mehrzweckkampfflugzeug aus der Waffenschmiede Lockheed Martin ist zufällig entstanden, der neue X5 hört intern auf die F15, ganz ungelegen wird das den Müchenern aber nicht gekommen sein. Breite Schultern, aufgesetztes Greenhouse. Wer mag, kann durchaus Parallelen finden.

Bevor ich mich wieder auf meine deutschen Tugenden besinne und über Kofferraum-Volumen und Zuladung berichte, darf ich noch mal kurz den Pitbull in der Überschrift seine Existenzberechtigung zusprechen. Der BMW X6 gefällt mir deutlich besser als der X4. Sicherlich tragen beide die gleiche Form, aber der X6 ist eben noch einem deutlich wuchtiger. Bulliger. Kräftiger. Auf jeden Fall optisch und durch meine Augen gesehen. Das Heck finde ich am schönsten. Beim Übergang von der coupé-artigen Fahrgastzelle zum Heck haben die Designer Mut zur Lücke bewiesen und fast eine Stück Kofferraum stehen lassen. Somit sieht es von hinten wirklich so aus, als würde die Fahrgastzelle auf starken und breiten Schultern ruhen. Auf mich wirkt der X6 von hinten betrachtet wie ein sprungbereiter Terrier. Und auch wenn ich um jede Form von Kampfhunden eher einen großen Bogen mache, bei X6 spricht mich das sehr an.

Unser Testfahrzeug hat einen Basispreis von 82.500 Euro. Inklusive aller verbauten Optionen liegt der Listenpreis wohl bei 106.000 Euro. Wer auch immer die Testwagen zusammengestellt hat, meiner Meinung nach, hat er ein wirklich gutes Händchen für Ästhetik beweisen. Im Innenraum wartet eine wundervolle Leder-Melange auf mich als Fahrer, das Cognac-farbende Nappaleder riecht nicht nur wundervoll, es fühlt sich auch herrlich weich an. Mein Pitbull heisst mich wirklich herzlich willkommen. Auch das eher sparsam eingesetzte Edelholz in Form von sehr schwarz gehaltener „Pappel Maser Natur“ trägt zu diesem Wohlgefühl bei, wie auch die anderen Materialen, die meine Sinne in der Kürze wahrnehmen können. Das Ganze gehört zu dem Interieurdesign-Paket Pure Extravagance Cognac/Schwarz i.V.m. M Sportpaket. Want some? Get some! Wer 106.000 Euro auf den Tisch legt bezahlt nicht nur für ein Premium-Label, er bekommt auch das Premium-Gefühl. Der X6 fühlt sich innen wirklich gut an.

Da bin ich fast enttäuscht, dass der Start-Knopf aus schnödem schwarzen Plastik gefertigt ist. Macht aber nichts, denn postwendend erwacht das Herz meines Pitbulls, ein BMW TwinPower Turbo 8-Zylinder Benzinmotor mit 4.4 Litern Hubraum. 450 virtuelle Pferdchen stehen bereit um den Koloss zu bewegen. Sie stehen für ein maximales Drehmoment von 650 Nm in einem Drehzahlbereich von 2.000 bis 4.500 U/min. Einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4.8 Sekunden steht ein NEFZ-Verbrauch von 9.7 Liter auf 100 Kilometern gegenüber. Feuert man den Pitbull an, wird er bis zu 250 km/h schnell.

Bei einem Gespräch am Frühstückstisch erfahre ich nebenbei wie erfolgreich das Engagement von BMW im X-Segment ist. Früher fuhr man 1.5 Meilen die Strasse herunter, um vom Werk zum BMW Performance Center zu gelangen. Heute ist das Werk so weit gewachsen, dass man von der Test- und Übungsstrecke nur ein Mal über die Strasse laufen muss. Damit wir Deutschen auch ansatzweise erFahren können, was der neue BMW X6 fahrdynamisch so kann, hat man für uns eben jenes Testgelände reserviert. OnRoad – wie Offroad können wir den X6 erFahren. Wir müssen uns entscheiden – Video drehen und „nur“ auf den amerikanischen Strassen fahren oder eben Fahrdynamik ausreizen. Wir drehen unsere Videos. Und hin und wieder blicke ich ein wenig sehnsüchtig auf die Teile der Strecke, die ich von unserem Drehort einsehen kann. Wie die Kollegen, den X6 beschleunigen, durch die Kurven scheuchen und in einem Rondell kontrolliert zum Ausbrechen bringen. Für mich komme ich dabei zu dem Ergebnis „Wenn der Fahrer kann, wird der X6 ihn nicht bremsen.“

Meine Freunde am Fahren muss ich hingegen auf den schnurgeraden, supersized breiten Strassen rund um das BMW-Werk erleben. Und ich bin verzückt, dass ich sogar eine kleinen Strasse finde, die über mehrere Kurven verfügt. Im Grunde ist mein Fahreindruck aber schnell geschildert. Den Komfort des Interieurs kann man auch beim Fahren erleben. Der 2015 BMW X6 xDrive50i (F16) lässt sich bequem durch die Gegend steuern. Daran hat die „Aktivlenkung“ einen feinen Beitrag geleistet. Die Rückmeldung vom Lenkrad ist sehr angenehm. Beim Rangieren braucht man nur wenig Lenkbewegung um den SAC zu dirigieren, bei höheren Geschwindigkeiten wird die Lenkübersetzung indirekter und man kann den Wagen schön in der Spur halten.

Von dem eher – zumindest für uns Europäer – schlechtem Zustand der amerikanischen Strasse merke ich im Fahrersitz fast gar nicht nichts. Das Fahrwerk regelt die Unebenheiten weg. Drei unterschiedliche Pakete bieten die Münchener für ihr hochgelegtes Coupé an – „Comfort“, „Dynamic“ und „Professional“. Die ersten beiden Pakete erklären sich mit ihrer Namensgebung, das letztgenannte bündelt die Eigenschaften beider Pakete und lässt den Fahrer entscheiden, wie er den X6 gerade bewegen möchte. Steuern kann man dies dann über den bewährten BMW Fahrerlebnisschalter. Ich bin ja mittlerweile ein großer Fan vom „Eco Pro“-Programm bei dem ich mich selbst herausfordern kann, so effizient wie möglich zu fahren. Im Comfort-Modus läuft der X6 locker und flockig und macht mich auch hin und wieder ganz vergessen, dass ich diese 450 Pferdchen unter der Haube vor mir herschiebe. Entscheide ich mich dann für eins der beiden Sportprogramme wird auch der V8 dann deutlich hörbar, ohne aber das Komfortgefühl im Innenraum zu stören. Die Bewegungen meines Gasfuss werden nunmehr mit Zurückschalten und kraftvoller Beschleunigung quittiert. Ja. Spass macht er. Der V8. Aber eigentlich auch der ganze X6.


Video „2015 BMW X6 xDrive 50i 0-100 km/h kph Beschleunigung Tachovideo 0-65 mph acceleration “ auf Youtube ansehen.

Als Gegenwert für den Kaufpreis von 106.000 Euro bekommt man das SAC mit allerlei feiner Ausstattung. Ich bin ein großer Fan des BMW-HeadUp-Displays. Meiner bescheidenen Meinung nach, ist es aktuell das beste System am Markt. Hervorragend abzulesen, sehr klar in der Darstellung und die notwendigen Informationen werden perfekt angezeigt. Die Rundinstrumente sind mittlerweile auch alles andere als analog. Je nach Fahrprogramm wird Fahrgebung und Inhalt anders dargestellt. Kann man machen, muss man aber nicht. Gerade die Darstellungen der Informationen aus dem Bordcomputer verwirren mich eher. Das Infotainment-System ist sehr gut, auch wenn ich als eingefleischter Mercedes-Fan nach wie vor meine Probleme mit dem Bedienkonzept habe. Die Spracherkennung funktioniert prima und auch das alternative Eingeben von Werten per Touchpad (die Oberfläche des Jogshuttles ist sensitiv) funktioniert gut. Allerlei Assistenz-Systeme unterstützen mich beim Fahren ohne mich zu bevormunden. Interessant ist die Darstellung der amerikanischen Tempolimits, da lobe ich mir unsere deutschen Schilder. Auf jeden Fall funktioniert auch dieses System sehr zuverlässig. Ein hübsches Detail am Rande – der Schlüssel des X6 ist meines Erachtens (im Übrigen der Gleiche wie auch beim X5) sehr formschön und liegt auch gut in der Hand, was zur Nebensache wird, weil man ihn ja eigentlich nur bei sich tragen muss. Dennoch gibt es in der Mittelkonsole ein kleines Fach, wo er passgenau abgelegt werden kann. Ich kann mich an solchen Kleinigkeiten auf jeden Fall erfreuen.

ABER! Jetzt will ich schnell noch mal ganz deutsch werden. Der 2015 BMW X6 xDrive50i (F16) ist 4.93 Meter lang, über beide Aussenspiegel 2.17 Meter breit und 1.70 Meter hoch. Damit ist er schon etwas unhandlich für deutsche Verhältnisse und gerade in den zahlreichen deutschen Autobahnbaustellen darf man sich aufgrund der Breite mit den Lastern die rechte Spur teilen. Bei einem Randstand von 2.93 Metern hat man zwar eine Menge Platz in der Fahrgastzelle geschaffen, aber realistisch betrachtet passen auf die Rücksitzbank dennoch nur zwei Erwachsene oder auch zwei Kindersitze. Eine dritte Person sitzt im Fond nicht ansatzweise so bequem wie die vier Mitreisenden. Erwähnenswert ist noch, dass sich die Fenster an den hinteren Plätzen auch vollständig versenken lassen. Dies unterstreicht die Kinderfreundlichkeit des X6. Mit echten Leseleuchten hinten, starren Gurtpeitschen und ausreichenden Gurtlängen empfiehlt sich der X6 durchaus für 4-köpfige Familien. Auch sitzt man als Erwachsener bis zu einer Körpergröße von 185 cm durchaus komfortabel, das mag man ja aufgrund der Coupé-Form erstmal anzweifeln.

Der Kofferraum bietet Platz für 580 Liter. Als Sichtschutz gibt es eine starre Ablage, die man zwar demontieren, dann aber irgendwo lagern muss. Unter dem Kofferraumboden findet sich noch ein weiteres Staufach, in dem man noch ein paar Stiefel oder auch eine Reisetausche verstauen kann. Die Rücksitzbank lässt sich im Verhältnis 40:20:40 umlegen. Dies erledigt man aber in der Regel von vorne, da man schon laaaange Arme mitbringen muss, um sie aus dem Kofferraum heraus umzulegen. Klappt man alle drei Rücksitzpartien um, so erhält man ein Ladevolumen von 1525 Litern. Kleinere Personen und Rückenleidende werden die 83 Zentimeter hohe Ladekante nicht gerade lieben. Als Bett eignet sich die Kofferraumfläche auch nicht wirklich – bei ungelegter Rückbank hat man 163 Zentimeter Länge zur Verfügung. Stellt man den Beifahrersitz ganz nach vorne hat man an der rechten Seite immerhin 2 Meter Platz. Zugeladen werden übrigens insgesamt 715 kg. Bei Bedarf kann man selbst den schicken SAC mit einem Agrarhaken bestücken, mit dem dann gebremste Anhänger mit einem Gewicht bis zu 2.5 Tonnen gezogen werden können.

Die Kommentare unter unseren Youtube-Videos spiegeln genau das wieder, was ich auch in Sachen X6 denke. „Geile Karre“ wie auch „Vollkommen sinnbefreites Auto“. Das ist er wohl. Der X6. Ein Fahrzeug, was polarisiert. Wenn ich die finanziellen Möglichkeit und die Wahl zwischen X5 und X6 hätte, ich würde mich für die Unvernunft entscheiden. Ich würde dem X6 meinen Vorzug geben. Weil ich finde, dass er einfach besser aussieht. Und ich mag schöne Sachen, kann mich daran erfreuen. Und liebe steige ich jeden Tag in ein Auto von dem ich finde, dass er richtig schick ist, als in ein Auto, was mir vielleicht optisch nicht so zusagt, aber 20 Liter mehr Kofferraum-Volumen hat.

Am Ende des Tages (bzw nächsten Jahres) werden wir eh mehr von diesen Fahrzeugen auf den deutschen Strassen sehen. Mercedes hat unlängst Studien von ihrer Interpreattion des SAC-Themas gezeigt und auch bei Audi schraubt man ja schon eifrig an einem potentiellen Q6.


Video „2015 BMW X6 xdrive50i (F16) – Start Up, Exhaust, Test Drive and In-Depth Review (English)“ auf Youtube ansehen.