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2014 Mclaren 650S Spider und die Lust am Fahren

Als Autoblogger habe ich ja das Glück ganz unterschiedliche Testwagen zu fahren. Hin und wieder rufe ich meinen besten Freund an und schildere ihm, wie sich das einzelne Auto gefahren hat. Oder er hat selbst Zeit und gibt mir seine Einschätzung, die ich wiederum schätze. Den 2014 McLaren 650 S Spider habe ich ihn nicht fahren lassen. Als Freundschaftsdienst. Ehrlich! Denn wenn Du einmal in diesem Supersportler gesessen hast und ihn gefahren bist, dann verfluchst Du Deine eigene Armut. Das wollte ich meinem Freund ersparen. Bei 255.000 Euro fängt der Spass an, unser Testwagen hatte wohl eher einen Gegenwert von 300.000 Euro. Das „Schlimme“ daran ist auch noch, dass man zu keiner Zeit das Gefühl hat, dass man hier einen Markennamen zahlt. Oder sonstwie über den Tisch gezogen wird. Was darf ein perfektes Auto kosten? 300.000 Euro? Ok. So ist es dann eben.

Knapp 10 Tagen hatten wir den McLaren bei uns. Sarah und ich haben unser Ausfahrt.tv-Video in Berlin gedreht. Gut 2.000 Kilometer haben wir ihn bewegt. Meine Mundwinkel brauchten zwei weitere Wochen, um sich aus der grenzdebilen Stellung wieder nach unten zu bewegen. Und auch jetzt – einige Monate später bekomme ich noch ansatzweise eine Gäsehaut, wenn ich daran denke, wie ich mit geschlossenem Dach aber versenkter Heckscheibe unter der Autobahnbrücke hergefahren bin, die hier in Bielefeld unsere kleine Stadtautobahn mit der A33 verbindet. Die recht hoch angebrachten Auspuffrohre in Verbindung mit den Höckern hintern den Sichten, die wohl als Schallverstärker dienen, so dass der Klang durch die geöffnete Heckscheibe nicht nur direkt in den Innenraum des Sportwagens schallen kann, sondern auch noch Deinen Magen erreicht. Der Verdauungsapparat Deines Beifahrers sollte auf jeden Fall intakt und nicht zu vollgestopft sein, wenn Du das Gaspedal gen Bodenblech drückst.

650 PS erzeugen in dem 3.8 Liter V8 Bi-Turbo-Mittelmotor ein maximales Drehmoment von 678 Nm. Kurze Wege hat die Kraft, denn nur die Hinterräder sind beim 2014 Mclaren 650S Spider angetrieben. Nicht zuletzt aus diesem Grund steht der Boliden hinten auf 20″. Vorne reichen dann 19″ Räder, um die Richtung vorzugeben. In gerade mal 3 Sekunden drückt die Kraft Dich in dem McLaren auf eine Geschwindigkeit von 100 km/h. Pah. Ist ja nicht. 5 Sekunden später oder ein langer lauter Schrei Deines Beifahrers später zeigt die digitale Anzeige im zentralen Rundinstrument 200 km/h an. Ich bin Frühaufsteher. Sowas zahlt sich hin und wieder aus. Auf dem kleinen Stück A33 geht es durch eine langgezogene Kurve in Richtung A2. Keine halbe Minute nachdem ich zum ersten Mal Gas gegeben habe, meldet die Tachoanzeige 300 km/h. Schluss ist erst bei 330 km/h, aber ich sehe hinten am Horizont schon einen Laster. Also Fuss vom Gas.

In der Mittelkonsole finden sich 2 Drehregler. Der eine mit P für Powertrain beschriftet, der anderen mit H für Handling. Drei Modi stehen jeweils zur Auswahl und können getrennt von einander verwendet werden – Normal, Sport und Track. Ich gestehe, ich habe den McLaren nicht einmal in „Track“ bewegt. Auch habe ich mich erst gar nicht damit befasst das ESP zu deaktivieren. Unser Ansprechpartner hatte uns freundlich gebeten, davon Abstand zu nehmen. Hey, darauf höre ich, habe gerade keine 300.000 Euro liegen, um einen möglichen Schaden mal eben auszugleichen. Und nein, ich war auch auf keiner Rennstrecke und zu keiner Zeit habe ich den 2014 McLaren 650S Spider am Limit bewegt. Wozu auch? Ich würde ihn auch nicht auf eine Rennstrecke stellen, wenn ich mir einen leisten könnte. Einfach, weil mich das im Kreis fahren eben nicht so anmacht. Dennoch kann ich durchaus festhalten, dass der McLaren 650S für mich persönlich das aufregendste Auto ist, in dem ich je gesessen habe. Und mir auch hat bislang kein anderes Auto so viel Fahrspass gegeben.

Das Fahrwerk gibt sich in „Normal“ für einen Sportwagen ungemein komfortabel. Die in unserem Tester verbauten Sportschalen rauben mir allerdings das Gefühl von Komfort. Verstellen lässt sich nur der Abstand zwischen Sitz und Lenkrad, alles andere ist starr und eng. Optional gibt es aber bequemere Sitze, die sich auch heizen lassen. Dennoch. In „Normal“ fährt sich der McLaren 650S durchaus komfortabel. Erst wenn man den Drehregler auf Sport stellt, verhärtet sich das Fahrwerk deutlich. Aber das stellt man ja auch nicht zum Spass um, sondern zum Fahrspass haben. Ob nun auf der heimischen Landstrasse oder der Autobahn, der 650 klebt sprichwörtlich auf dem Asphalt. Durch eine wirklich fantastische Lenkung, die in Sport auch noch einmal direkter kommt, hat man die perfekte Fahrmaschine. Oder hält sich für einen wirklich tollen Fahrer.

Letzteres trügt wohl aber, denn das Fahrwerk ist intelligent, denkt mit und stellt sich ständig auf die neue Fahrbahnsituation ein. Proactive Chassis Control heisst das System bei McLaren. Zudem hilft das Auto bei schnell gefahrenen Kurven mit, indem es das kurveninneren Hinterrad leicht abbremst.

Die Bremsen greifen gnadenlos zu, wenn man auf das Pedal latscht. Gerade mal 31 Meter Bremsweg benötigt man auf trockener Fahrbahn, um aus 100 km/h zum Stand zu kommen. Unterstützt wird die serienmäßige Carbon-Keramik-Bremsanlage dabei vom Heckspoiler, der sich bei starkem Anbremsen als „Air Brake“ aufstellt. Effizient und zudem sehr sexy im Rückspiegel anzusehen.

Lasst mich kurz zusammenfassen: Motor super, Fahrwerk super, Lenkung super, Bremsen super. Fahrspass unbezahlbar. Leider im doppelten Sinne. Was bringen die tollsten Fahreigenschaften, wenn das Vehikel so hässlich wie die Nacht ist? Keine Sorge. Als Nachfolger des ja schon sehr erfolgreichen McLaren MP4-12C (hier gehts zu meinem Fahrbericht) hat er die Form übernommen. Rein äusserlich kann man schon fast von einem Facelift sprechen und zwar im sprichwörtlichen Sinne, denn er 650 sieht aus wie sein Vorgänger, nur die Front hat er sich beim größeren Bruder, dem McLaren P1 ausgeliehen. Fand ich vorher schon sehr schön, jetzt nicht weniger.

Ich mag, wie konsequent McLaren das eigene Logo in die Gestaltung des Fahrzeugs einfliessen lässt. Wer genau hinsieht, findet den Schwung überall und nicht nur beim ganz offensichtlichen Tagfahrlicht und den Blinkern. Und nur zum Verständnis – die 45.000 Euro, die zwischen Basis- und Testwagenpreis liegen, kommen nicht von ungefähr. Der McLaren 650S kommt in der Serie mit überraschend wenig sichtbarem Carbon aus, alles was da an unserem Tester schwarz blink-blink macht, ist eben optional zu haben. Wer spielen will, dem sei der Konfigurator von McLaren empfohlen.

Der Innenraum ist ein Gedicht aus Carbon und Alcantara. Punkt. Ok, ein wenig mehr. Ich mag es, wie die Innenraum-Designer es hinbekommen haben, eine geradezu puristisch anmutende Fahrgastzelle zu schaffen, in der es aber an nichts fehlt. Die Bedienelemente für die Klimatisierung finden sich in den Türen, in der Mittelkonsole ist das Dispaly des Infotainmentsystems hochkant eingebaut, was die Säule noch schlanker wirken lässt als sie eh schon ist. Darunter befinden sich die beiden Drehregler für die Powertrain- und Handling-Abstimmung, danach folgen – nun schon in der Horizontalen – der Hebel für die elektronsiche Parkbremse und die drei Knöpfe zum Wählen des Fahrprogramms „Drive“, „Neutral“ und „Reverse“, flankiert von Schaltern zum Öffnen des Dachs und Kofferraums (befindet sich vorne und fasst 2 Kabinentrolleys sowie eine kleine Tasche.) bzw. zum Versenken der Heckscheibe. Als Abschluss noch ein kleines Fach, wo sich die Konnektivitätsanschlüsse in Form von AUX-in und USB für das Infotainmentsystem befinden. Das Fach bietet auch nicht wirklich viel mehr Platz ausser eben für ein Smartphone und einen Schlüssel.

Reduced to the maxxx! hauche ich da. Und erfreue mich als Fahrer, dass mich nichts ablenkt. Es sei denn, ich möchte während der Fahrt etwas trinken. Der Becherhalter befindet sich versteckt unter der Mittelkonsole und wirklich fest stehen Flaschen oder Dosen da auch nicht drin. Egal. Ich will ja nicht trinken, sondern fahren. Hinter dem griffigen, da ebenfalls mit Alcantara bezogenen Lenkrad befindet sich ein großes Rundinstrument mit zwei kleinen Flügeln, in denen alle Zusatzinformationen angezeigt werden. In dem Rundinstrument bewegt sich tatsächlich noch ein echter Zeiger. Es geht hier nur um die Drehzahl. Bis 9.000 Umdrehungen zeigt das Instrument an, ab 8.500 U/min bewegt man sich im roten Bereich. Die Geschwindigkeit wird geradezu dezent mit gelben Lettern in einem Feld innerhalb des Runden gezeigt, ist aber zu jeder Zeit gut abzulesen. Am oberen Ende der Flügel werden dann noch Fahrprogramm und eingelegter Gang angezeigt. Das Ganze ist eine schöne Einheit und man kann jederzeit alle relevanten Informationen auf einem Blick erfassen. Toll! Positiv möchte ich noch hervorheben, dass die Lenkradverstellung durchaus großzügig ist. Ich habe das Lenkrad ja gerne nah bei mir, das liess sich auch so einstellen.

Jan, so kenne ich Dich ja gar nicht, Du meckerst ja gar nicht? Hoppla. Doch natürlich, was sollen denn sonst die Leute denken. Wir werden ja dazu angehalten zu kritisieren, damit es nachher nicht heisst, wir wären gekauft worden … Auf ganzer Linie enttäuscht hat mich das Infotainment-System. Die Menüführung war zumindest für mich nicht intuitiv. Das Display ist zwar pfiffig angeordnet, lässt sich aber bei geöffnetem Dach und entsprechenem Sonneneinfall kaum ablesen. Die Anweisungen vom Navigationssystem haben mich im Berliner Verkehr eher an den Rande des Wahnsinns gebracht als dass sie hilfreich waren, ich habe zum Schluss mit meinem iPhone navigiert. Auch das Premium-Soundsystem von Meridian, die ja auch gerade bei Jaguar und Landrover einen großen Aufschlag machen und da durchaus ganz ordentlich klangen, ist meines Erachtens den Aufpreis nicht wert. Zumindest aber passt die Musikleistung nicht wirklich zur restlichen Qualität des Autos.

Auch ist die Rundumsicht im Auto im Stadtverkehr eher lala. Oder vielleicht besser ausgedrückt „gewöhnungsbedürftig“. Der Schulterblick bleibt oft an den Höckern hängen. Zumindest in ungewohnter Umgebung – bei mir Berlin – hat mich das gestresst. In Bielefeld hatte ich weit weniger Probleme. Beim Einparken ist übrigens die Rückfahrkamera ein echter Gewinn, wobei man in den Aussenspiegel auch eine Menge sehen kann (und der Blick lohnt sich immer, sieht man doch jedes Mal die hinten weit ausstehenden Backen. Hach, das mag ich ja.).

Gut. Toll. Bleiben die 300.000 Euro weiter im Raum stehen. Jedes Mal wenn ich eine meiner vermeintlichen „Weltherrschaftsideen“ habe, folgt als zweiter Gedanke „Wenn das klappt, ey, wenn das klappt, dann kaufe ich mir den McLaren.“ Naja. Leider sind meine Ideen dann meist nicht so ertragreich. Aber ich spiele jetzt übrigens wieder Lotto …

Nur kurz nachgeschoben. Ich hatte auch die Gelegenheit kurz das Coupé zu fahren. Das ist ja über 20.000 Euro „preiswerter“. Fährt sich natürlich auch toll, aber dem Coupé fehlt die versenkbare Heckscheibe. Und selbstredend kann man damit nicht offen fahren, was im Mclaren durchaus Spass macht. Und wo ich schon gerade schiebe. Der McLaren (schon der alte, aber ebenso der Neue) hat eine sehr positive Ausstrahlung auf die Mitmenschen. Da wird dann plötzlich nicht mehr voll Sozial-Neid die Faust geballt, stattdessen bekommt man den Daumen nach oben gereckt. Vielleicht lag das aber auch am englischen Kennzeichen. In Berlin war das aber mitunter ein wenig zu viel des Guten. Du fühlst Dich irgendwann wie ein Rockstar, denn alle gaffen und zücken sofort das Handy. Als wir am Brandenburger Tor gedreht haben, früh morgens um 7 Uhr, hielt neben uns einer dieser Busse und spuckte eine Reisegruppe Asiaten aus, von denen die Hälfte während unseres Drehs vor die Kamera gesprungen ist, um ein Foto vom McLaren zu knipsen.

Wer noch mehr sehen will, sollte sich einfach unsere Videos ansehen!