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Rock me like a Hurricane! 2015 Mercedes-AMG GTS (C190) – Erfahrungen meiner Probefahrt

Es ist 3 Uhr morgens als ich aufwache. Ich weiss auch sofort, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Denn ich liege im Bett eines Hotelzimmers in San Franciso. Gestern bin ich gelandet. Und das Aufwachen um 3 Uhr ist mein Tribut an das Jetlag. Ich könnte mich jetzt auch noch 3 Stunden im Bett wälzen ohne in den Schlaf zurück zu finden. Oder ich stehe jetzt auf. Und genau das tue ich auch. Denn der Ärger über das frühe Aufwachen verflüchtigt sich im Nu. Denn die Gewissheit, dass ich in minus viereinhalb Stunden auf den Startknopf des neuen 2015 Mercedes-AMG GTS (C190) drücken darf, lässt meinen Adrenalinpegel jegliches Schlafbedürfnis vergessen. Als ich aufgewachsen bin, durfte man die Scorpions noch hören und gut finden. It’s early morning, the sun comes out *** Last night was shaking and pretty loud *** My cat is purring, it scratches my skin *** So what is wrong with another sin? Genau. Lass mich sündigen!

Soziale Kanäle absurfen, Duschen, Koffer packen, Equipment sortieren, Rauchen, Frühstücken, Koffer nach unten bringen – 4.5 Stunden sind auch nur 270 Minuten und die vergehen angenehmer Weise wie im Flug. Und dich stehe ich 20 Minuten vor der vereinbarten Zeit vor dem Hoteleingang und beobachte die fleissigen Mercedes-Crew, wie sie die GTs aus dem naheliegenden Parkhaus holt und hübsch vor dem Hotel aufreiht. Ich schlawenzel um die Fahrzeuge, in freudiger Erregung. Rot, Blau, Silber, Grau. Der neue Mercedes-AMG GT macht in jeder Farbe ein gute Figur, wie ich finde. Aber „mein“ GT lässt immer noch auf sich warten. Gelb soll er sein, solar beam nennt Mercedes die Farbe, in der das Fahrzeug schon bei der Weltpremiere und den ersten Videos gezeigt wurde. Ich mag die Kombination schwarz/gelb. Und dann kommt er endlich. „Mein“ Mercedes-AMG GTS (C190). Strahlt mit seiner gelben Aussenhülle in der Strassenschlucht von San Francisco. Strahlt mich an. Nimm mich. Nimm mich mit! The bitch is hungry, she needs to tell *** So give her inches and feed her well *** More days to come, new places to go *** I’ve got to leave, it’s time for a show


Video „2015 Mercedes AMG GT / GTS (C190) – Fahrbericht Test Review Vorstellung “ auf Youtube ansehen.

Unser Equipment verstauen wir in einem Mercedes-Benz GLA 45 AMG „Edition 1“, der Kofferraum des GT fasst ja „nur“ 350 Liter. Das ist zwar mehr als ein McLaren oder eine Corvette C7 zu bieten hat – oder auch der neue Porsche 911 GTS, den die Kollegen gerade auf der Fahrveranstaltung in Los Angeles fahren, der bietet gerade mal 125 Liter Kofferraum-Volumen – und wohl auch ausreichend um mit 2 Personen zu einem Wochenendtrip zu starten, aber wir wollen ja auch ein wenig fahren, da will ich mir keine Gedanken über Gegenstände im Kofferraum machen. Ich gleite auf den Fahrerplatz. Das ist doch erheblich komfortables als beim Mercedes-Benz SLS AMG GT Coupé (mein Fahrbericht nur ein Klick entfernt), wo man den breiten Schweller überbrücken musste. Im Gegenzug sind die weit öffnenden Türen nicht halb so sexy wie die Flügeltüren des SLS. Die elektrisch verstellbaren Sportsitze passen mir wie angegossen. Wie auch anders. Wurde das Auto nicht eigens für mich gebaut? Nein? Passt aber schon sehr gut!

Der Blick nach vorne ist – man möge mir die Anzahl der Superlative in diesem Beitrag verzeihen, ich habe mich ein wenig verliebt – phänomenal. Die lange Motorhaube erahnt man. Die Kotflügel hat man gut im Blick, wie auch die Kanten in der Motorhaube. Sexy – anders kann ich den Blick nach vorne nicht beschreiben. Nicht verschweigen möchte ich, dass die Scheibe bauart bedingt (wie ich diese Formulierung mag) nicht besonders hoch ist. Aber es ist schon deutlich mehr als nur ein Sehschlitz. Der Blick in den Rückspiegel zeigt die komplette Fensterfläche hinten, aber auch diese ist sehr schmal. Der Schulterblick links funktioniert noch prima, denn hinter der rahmenlosen Fensterscheibe in der Fahrertür ist nur ein kleines Dreiecksfenster mit einem dünnen Rahmen abgesteckt. Dies eine B-Säule zu nennen, fühlt sich sehr übertrieben an. Der Blick über die rechte Schulter ist dann eher unangenehmer Natur. Hinten im Eck der C-Säule sieht man so gut wie nichts. Da heisst es, den Verkehr um sich herum stets im Auge zu behalten. Immerhin beherbergen die formschönen Seitenspiegel eine kleine Signalleute des Totwinkel-Warners.

Beengt fühlt man sich im Inneren des neuen Sportlers aus Affalterbach aber auf keinen Fall. Dieses Gefühl wird noch von der breiten Mittelkonsole unterstützt. Die Konsole teilt in V-Form den Arbeitsplatz des Fahrers vom Sitzplatz des Passagiers. Auf der Konsole sind symmetrisch 8 Knöpfe angebracht. Niemand soll vergessen, was da unter der lange Haube werkelt. Den zweiten Knopf von oben auf der linken Seite drücke ich nun. My body is burning, it starts to shout *** Desire is coming, it breaks out loud *** Lust is in cages till storm breaks loose *** Just have to make it with someone I choose Der 4 Liter V8 Biturbo erwacht zu Leben. Um 2 Liter hat Mercedes den neuen Motor ja quasi kastriert. Downsizing-Galore. Buh! Der Klang drängt diesen Gedanken aber sofort wieder in die hinterste Schublade zurück.

Am spitzen Ende des Mittelkonsolen-Vs befindet sich der Wahlhebel des AMG SPEEDSHIFT DCT 7-Gang Sportgetriebe. Während meine Hand das filigrane Hebelchen erfasst, steigt in mir ein wenig Wehmut hoch. Den formschönen Hebel, den meine Hand in allen aktuellen Modellen umschmeicheln konnte, hat AMG wegrationalisiert. Sicherlich habe ich verstanden, dass man an alle Ecken und Kanten gefeilt hat, um das Trockengewicht von gerade mal 1570 kg zu kommen. Aber den Hebel hatte ich doch so lieb gewonnen. Naja, der neue C 63 AMG verzichtet ja leider auch darauf, wie wir bei der Weltpremiere in Paris feststellen mussten. Viel wichtiger ist ja auch, dass der Hebel funktioniert. Fuss auf das große Bremspedal, kurzer Druck nach hinten. Das „D“ leuchtet rot auf. Fuss von der Bremse. Und leicht aufs Gas. Here I am *** Rock you like a hurricane *** Here I am *** Rock you like a hurricane Ich rolle langsam los. Zunächst geht es durch die Häuserschluchtes des noch halb schlafenden San Franciso. Dankenswerter Weise sind die Strassen noch angenehm leer. So kann ich mich zunächst noch ein wenig im Wagen zurecht finden.

Das freistehende Infotainment-Display schmiegt sich in eine Aussparung im Armaturenbrett. Das haben sie wirklich schön gelöst, da sollten doch viele Stimmen, die sich sonst über diese freistehende Form beschwert haben, schlicht verstummen. Das Display ist angenehm gross und stellt alle Informationen deutlich dar. Ich mag auch die Animationen der neuen COMAND Online Generation, die wir aus der neuen C-Klasse kennen. Auch der mit der C-Klasse eingeführte „Handschmeichler“ ist mir an Board. Wer mag nutzt das Touchpad, Traditionalisten wie ich bedienen das Infotainment-System nach wie vor über das bekannte Drehrad. Der Aufbau der Fahrgastzelle soll an ein Flugzeug erinnern. Hm. Ich sehe da keinen Zusammenhang. Ich bin aber sehr angetan davon, dass der GT genau wie die neue S- und C-Klasse im Innenraum sehr aufgeräumt wirkt. Ein paar Schalter, die sich nicht in diesem minimalistischen Design unterbringen liessen wurden in einer kleine Schalterbatterie am Dachhimmel verbannt.

Die Türen sind innen konkav geformt, so dass man ein noch angenehmeres Raumgefühl bekommt, die Ablage in der Tür ist dann eher ein Witz. In dem schmalen Schlauch kann man wohl kaum etwas sinnvoll verstauen. Am oberen Ende des V finden sich unter einer Abdeckung zwei Getränkehalter (in diesem Multifunktionsfach findet sich zudem noch der Schlitz für die CDs und ein 12V-Anschluss), am Ende die Armlehne mit AMG-Logo. Unter der Klappe findet sich noch ein kleines Staufach inkl. Anschlüssen für das Infotainment-System (2x USB, ein SD-Schacht, ein 12V-Anschluss). Im Fussraum des Beifahrers gibt es noch ein kleines Netz und eben das Handschuhfach selbst, in dem aber auch nicht viel mehr Platz findet als ein Paar Handschuhe. Ok, der GT ist ein Sportwagen und kein Raumwunder für Familien. Das größte Staufach ist eh der Kofferraum, den man auch von den Sitzplätzen mit einem langen Arm erreichen kann.

Mittlerweile habe ich die Interstate erreicht. Bei einem Tempolimit von 65 mph (was in etwa 105 km/h entspricht) kann man den GTS nun wirklich nicht ansatzweise ausfahren. Ich werde aber ganz schön durchgeschüttelt, die Qualität der amerikanischen Strassen kann man nun wirklich nicht mit unserer Autobahn vergleichen. Aber auch auf neu gemachten Abschnitten merke ich, dass das Fahrwerk des GTS doch sehr straff abgestimmt ist. Da kommen doch einige Schläge durch. Ich weiss, ich weiss, ein Sportwagen. Dennoch. Ein wenig mehr Restkomfort hätte ich mir persönlich doch gewünscht. Zumal ich ja den Drehregel zum Einstellen der fünf Fahrprogramme noch gar nicht berührt habe. Der steht immer noch artig im (C)omfort. Zur weiteren Auswahl stehen RACE, Sport+, Sport und ganz neu für Mercedes auch Individual. Hier kann man sich aus den aus den anderen Programmen verfügbaren Komponenten seine favorisierte Einstellung abspeichern. Lenkung auf Sport, Fahrwerk auf Komfort, usw usf. Na komm. Sport+, baby! Lief der V8 eben noch lustig blubbernd vor sich dahin und hörte sich schon sehr gut an, so brüllt er jetzt – meinen Gasstoss quittierend. Bevor sich in meinem Gesicht das Grinsen ausformen kann, zeigt die digitalen Anzeige zwischen den Rundinstrumenten eine 100 an. MPH nicht KMH. Hoppla. Also ZACK auf die Bremse. Die optionale Keramik-Carbon-Bremsanlage greift sofort und schwups bin ich wieder bei den erlaubten 65.

Bremsen gehen gut. Keine echte Überraschung. Auch zu keinem späteren Zeitpunkt. Sport+ scheint Spass zu machen. Und ein wenig verfluche ich die Benzos, dass wir den Sportler ausgerechnet in den USA testen müssen. AUTOBAHN. AUTOBAHN. AUTOBAHN. Bitte? Immerhin sind wir auf dem Weg in den Süden. Die Affalteracher haben für die Fahrveranstaltung mal eben die bekannteste amerikanische Rennstrecke reserviert – der Mazda Laguna Seca Raceway ist das Ziel unserer Teststrecke. Ich werde es leider nicht schaffen, den Boliden dort zu bewegen, stattdessen stehe ich den Großteil der Zeit neben der Rennstrecke hinter der Kamera. Man kann eben nicht alles haben. Von 0 auf 100 km/h benötigt der 2015 Mercedes-AMG GTS 3.8 Sekunden. Da gibt es einige, die schneller sind. Die Höchstgeschwindigkeit erreicht er bei 310 km/h erreicht. Auch da gibt es schnellere. Ich mag aber das Gesamt-Package (bitte englisch lesen, ich fühle mich heute sehr international). Der Mercedes-AMG GTS verfügt über eine Leistung von 510 PS, die dann für ein maximales Drehmoment von 650 Nm verantwortlich sind. Der Motor sitzt vorne, das Getriebe an der Hinterachse. Mit 208 kg Trockengewicht rühmt sich AMG den leichtesten V8 im Wettbewerbssegment zu bauen. So konnte man eine Gewichtsverteilung von 47% vorne und 53% hinten erlangen. Sportwagen-Freunde wissen sofort, was das heisst: Agiles Handling sollte gegeben sein und hohe Kurvengeschwindigkeiten sollen sich einfach umsetzen lassen. Dank Trocksumpfschmierung und „heissem Innen-V“ (Die Turbolader werden in die Innenseiten des Vs montiert, somit baut der Motor wesentlich niedriger) hat man zudem einen extrem niedrigen Schwerpunkt erzielt. Ein weiteres Plus in Sachen Fahrspass.

Und dann heisst es auch schon Fahrerwechsel. Sarah, Jens und ich haben jeder 40 Minuten für den ersten Fahreindruck. Ich mache es mir jetzt auf der Rückbank unseres Begleitfahrzeugs bequem, zücke die Kamera und fange an, Sarah beim Fahren im GT zu filmen. Dabei merke ich, wie mir der Mercedes-AMG GT optisch immer besser gefällt. So im „normalen“ Terrain sieht er meines Erachtens noch viel besser aus, als bei der statischen Präsentation in Affalterbach. Während andere Hersteller sich gefühlt gerade dabei versuchen zu überbieten, wer die meisten Schattenkanten in der Seitenansicht unterbringen kann, gibt sich der GT fast wie ein rundgelutschtes Bonbon. Sicherlich, an der Seite sind Linien angedeutet. Auch auf die Haube hat Kanten. Aber alles in Massen und gerade an den Seiten eher nur flüchtig angedeutet. Das tut dem Sportler gut und gefällt dem – zumindest meinem – Auge. Der sieht doch auch wie ein 911er! Hinten. Meinen eben viele Leute. Auch das Jaguar F-Type Coupé wollen viele wieder erkennen. Ich sage „Nein!“. Je länger ich den GT betrachte, umso sicherer kann ich behaupten. Es ist ein wirklich eigenständiges Auto. Und sicherlich ähnelt er dem 911 oder auch dem Jaguar von der Grundform. Aber auch Mercedes hat schon vor langer Zeit Autos gebaut, die diese Formsprache gesprochen haben. Ich darf an dieser Stelle vielleicht auf das Uhlenhaupt Coupé erinnern? Der Sportwagen aus dem Jahre 1955 auf Basis des Mercedes-Benz 300 SLR. Also. Nix 911. Nix F-Type! Mercedes-AMG GT, Baby! Und ja, auf dem Highway von America macht der GTS – gerade im schicken solar beam – eine wirklich gute Figur!

Durch die lange Haube alleine ist schon klar, dass wir hier nicht kompakte Aussenmasse haben.
Der 2015 Mercedes-AMG GTS von Mercedes-Benz ist stolze 4.55 m (bei einem Radstand von 2.63 m) lang, dafür aber nur 1.29 m hoch. Mit einer Breite von 1.94 Meter wird es in den europäischen Parklücken schon etwas enger. Um den Mercedes-AMG GTS zu wenden, benötigt man mindestens 11.50 m Platz, was ich durchaus innenstadttauglich finde. Dank Leichtbau, ich erwähnte es schon, beträgt das Leergewicht gerade mal 1.570 kg. Das zulässige Gesamtgewicht ist mir 1.890 kg angegeben, daraus resultiert also eine Zuladung von gerade mal 245 kg. Aber wie ich schon sagte, für ein langes Wochenende mit zwei Personen sollte das auch reichen.

Nicht wirklich interessant für den ambitionierten Sportwagen-Fahrer wird der Verbrauch sein. Mercedes-AMG gibt einen NEFZ-Verbrauch von 9.4 Litern Super Plus auf 100 Kilometern an. Das wird wohl kaum ein künftiger Eigner erreichen. Ansatzweise ärgerlich ist der mit 65 Litern doch eher sehr knapp bemessene Tank. Nimmt man den NEFZ-Verbrauch als Grundlage, könnte man also fast 690 Kilometer weit mit einer Tankfüllung kommen. Aber wir wissen ja, dass man den NEFZ-Verbrauch bei auch nur ansatzweise spassiger Fahrweise auch gut und gerne mal eben verdoppeln kann. Dann muss man alle 350 km an die Tankstelle, kann die Strecke Bielefeld – Berlin nicht ohne Tankstop absolvieren – Schade. Für mich riecht das ein wenig nach Co2-Trickserei.

Nach 2 Stunden Fahrt und einigen Foto-Stops kommen wir dann an der Rennstrecke Laguna Seca an. Von da an stehe ich nur noch vor und hinter der Kamera während ich hin und wieder mal sehnsüchtig hinüber auf die Rennstrecke schiele, wo die Kollegen ihre Runden drehen. Von einer lange Gerade geht es in eine spitze Linkskurve. Akustisch für mich auch aus der Ferne ein echter Leckerbissen. Ja, er hört sich wirklich gut an, der Mercedes-AMG GTS. Zu einem Basispreis von 134.531 Euro kann man ihn jetzt bestellen, die preiswertere GT-Version kommt erst später auf den Markt.

Ich hoffe, dass wir den GT bald noch mal wieder sehen. Bei uns in Bielefeld. Auf meiner A33. Um ihn dann wirklich mal vergleichen zu können. Soweit ich das aber hier und heute beurteilen kann, haut Mercedes-AMG mit dem GTS einen echten Knaller auf den Markt. Die Stuttgarter Kollegen sind bestimmt alles andere als gelassen, denn da wird bestimmt der eine oder andere Käufer die Marke wechseln. Ich will das hoffen, denn ich hätte so gar nichts dagegen, den schönen Sportwagen des öfteren auf unseren Strassen anzutreffen.


Watch Video „2015 Mercedes-AMG GTS – Start Up, Exhaust, Test Drive and In-Depth Review (English)“ on Youtube.