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Erste Probefahrt im 2015 Mercedes-Maybach S600 (X222)

Als Daimler-Benz im Jahre 1960 die Maybach-Motorenbau GmbH übernahm, hatte man vermutlich durchaus einen Plan. Es dauerte aber über 40 Jahre, bis man dann 2002 pompös und mit Pump den ersten Maybach der Neuzeit unter dem Dach der Daimler-Chrysler AG präsentierte. Man hatte nichts weniger getan, als die Queen Elizabeth 2 zu chartern und auf ihr das Stuttgarter – Verzeihung – Friedrichshafener Luxusgefährt vorzustellen und es zusammen mit dem ehrwürdigen Luxusliner in New York einlaufen zu lassen. So ganz wollten die Superreichen sich aber nicht an der Stuttgarter Interpretation vom schieren Luxus auf zwei Rädern begeistern lassen. Die Absatzzahlen passten aber nicht so ganz zu dem Engagement der Schwaben. Ich selbst hatte 2011 einmal das Vergnügen einen Maybach zu fahren. Und ich bin ihn gefahren, habe mich nicht fahren lassen, wohl aber einmal mein bürgerliches Hinterteil in die edlen Polster der Passagierzelle gedrückt. Und ja, ich war von so viel Luxus auch durchaus ein kleines bisschen beeindruckt.

Schön während meiner Kurzen Fahrt in dem Luxusgefährt, das man zu Preisen jenseits der 400.000 Euro erstehen konnte, wurde gemunkelt, dass die Produktion wohl eingestellt werden würde. Unlängst mussten sich die klugen Köpfe in Stuttgart überlegt haben, dass man die Marke anders nutzen sollte. Ein Auto anbieten müsste, mit dem man mehr Leute erreichen könnte und um unterhalb des Radars der Mitbewerber von Bentley und Rolls Royce auf Kundenfang gehen konnte.

Weit aus weniger pompös wurde dann Ende 2014 auf der LA Auto Show – ganz ohne Kreuzfahrtschiff und gläsernem Container die Neuinterpretation der Maybach-Idee präsentiert. Und die Marke Maybach als Sub-Marke von Mercedes-Benz eingegliedert. Keine zwei Monate später räkele ich mich im Fond auf dem Linken der beiden serienmässigen Executive Sitze eines Mercedes-Maybach S600. Nach Mercedes-AMG nun also Mercedes-Maybach, einmal sportlich, einmal luxuriös – doch immer ein Mercedes. So habe ich dieses Sub-Marken-Spielchen zumindest verstanden.

Das Mercedes im Mercedes-Maybach steht nun auch für die enge Verwandtschaft zwischen der Mercedes S-Klasse und dem Mercedes-Maybach. Und auch bei der Typenbenennung will man diese enge Verwandtschaft nicht verleugnen. Während die S-Klasse mit dem kurzen Radstand das Kürzel W222 trägt, die S-Klasse mit dem langen Radstand den Beinamen V222 kommt der Mercedes-Maybach S nun als X222 daher. Sieht man einen Mercedes-Maybach S600 dann im Rückspiegel von hinten anrauschen werden nur die eingefleischten Experten am Grill-Design erkennen können, dass es sich hier um die um 20 cm gestreckte Luxus-Ausgabe des Stuttgarter Flaggschiffs handelt. Der Grill ist mit einem breiten Chrom-Mantel eingefasst, in ihm sind drei Doppellamellen in Chrom aufgesetzt. Mt dem Werkstoff Chrom haben die Stuttgarter beim Mercedes-Maybach S600 wahrlich nicht gegeizt, die Zielgruppen in den USA, China und Russland wird es dankend zur Kenntnis nehmen.

In den drei Regionen muss man auch nicht geizen, so ist es auch nicht verwunderlich, dass die beiden zum Start ab Februar 2015 erhältlichen Modelle mit durchaus potenten Motorisierungen ausgestattet sind. Mein Chauffeur Jim lenkt den Mercedes-Maybach S600, der von einem 6 Liter V12-Biturbo angetrieben wird. 530 PS leistet das Kraftwerk und erzeugt zwischen 1.900 und 4.000 U/min ein maximales Drehmoment von 830 Nm. Die komplette Kraft wird an die Hinterachse weitergegeben, dazwischen befindet sich die neuste Evolutionsstufe vom Mercedes Automatik-Getriebe 7G-TRONIC PLUS. Für 187.841,50 Euro ist der MMS600 zu haben, auch durchaus schon mit einer ansprechenden Serienausstattung, aber man kann durchaus noch den einen oder anderen Taler für weitere Optionen ausgeben, wenn man denn will und kann. Der Mercedes-Maybach S 500 ist schon für läppische 134.053,50 Euro zu haben. Statt dem V12 wird er von dem bekannten V8-Biturbo angetrieben, der aus seinen 4.663 ccm Hubraum 455 PS schöpf und damit ein maximales Drehmoment von 700 Nm generiert. Der kleinere Motor ist mit einem NEFZ-Verbrauch von 8,9 Litern Super/100 km dann mal eben fast 3 Liter sparsamer, zumal der V12 auch gerne 11,7 Super Plus haben möchte, um 100 Kilometer Wegstrecke zurücklegen zu können. Der MMS500 ist übrigens schon mit der neuen 9G-TRONIC, dem 9-Gang-Automatikgetriebe, ausgerüstet. Die größere Auswahl an Gängen soll der Senkung der Drehzahl dienen und steht somit für weniger Verbrauch, aber auch einem Mehr an Laufruhe.

Mein Selbstfahrerlebnis im Mercedes-Maybach S600
Ich bin den Mercedes-Maybach selbst nur kurz gefahren. Zu groß war die Verlockung im Fond zu residieren. Aber die halbe Stunde Fahreindruck hat mir ausgereicht, um meine Vermutung zu bestätigen, dass sie das Mercedes-Maybach Derivat genauso schön fahren lässt, wie alle anderen S-Klasse, die ich seit der Vorstellung der neuen Generation 2013 gefahren bin. Durch den um 20 cm angewachsenen Radstand muss man hier und da ein wenig mehr ausholen, ggf. hier und da auch einmal extra zurücksetzen. Die Laufruhe, die vorzügliche Lenkung und die Bremse, die nun 2.3 Tonnen Leergewicht (nur 480 kg Zuladung sind übrigens vorgesehen bevor das maximale Gewicht von 2815 kg erreicht sind) zu stehen bringen muss, entsprechen aber ganz und gar dem S-Klasse Fahrgefühl, was ich so schätzen gelernt habe.

Zudem ist der MMS600 als Serienausstattung schon mit dem MAGIC BODY CONTROL Fahrwerk inklusive ROAD SURFACE SCAN ausgestattet. Das aus der S-Klasse bekannte System richtet seine Stereokamera auf die Strasse und erfasst 15m voraus liegende Fahrbahnunebenheiten bis zu einer Genauigkeit von 6mm. Diese Informationen werden an die Stossdämpfer weitergegeben, die dann just-in-time die Unebenheit auszugleichen. Es ist noch nicht der von Steppenwolf besungene MAGIC CARPET RIDE und meines Erachtens schluckt meine Citroen DS auch ohne Kamera mehr weg, aber gerade im Fond sitzend hat man schon einen sehr hohen Federungskomfort und etwaige Stösse werden von mir ferngehalten. Aber im Ernst. Niemand wird sich wirklich einen Mercedes-Maybach kaufen, um selbst damit zu fahren, oder?

Meine Einschätzung nach meiner kurzen Fahrt auf dem Fahrersitz: Jeder Chauffeur wird seinem Dienstherren sehr dankbar sein, dass er ihm so einen wundervoll entspannten Arbeitsplatz zur Verfügung stellt. Und er hat selbst die Möglichkeit, die Jungs mit ihren GTIs an der Ampel stehen zu lassen, wenn er mal eine Leerfahrt hat. Der V12 sorgt dafür, dass sich dass 2.3 Tonnen-Geschoss nicht mehr als 5 Sekunden Zeit nimmt, um von 0 auf 100 km/h zu beschleunigen.

Neu entwickelt für den Mercedes-Maybach wurde die Sprachverstärkung. Damit der Fahrer bei der Kommunikation sich nicht umdrehen muss, wird einfach seine Stimme per Microphon entgegengenommen und über das Lautsprechersystem an die Fond-Passagiere übertragen. Die Passagiere selbst werden aber nicht „abgehört“, da muss der Fahrer dann schon die Ohren spitzen.

Graf Jan im Fond des Mercedes-Maybach S600
Ich nehme es vorweg – ich war schon ein wenig enttäuscht. Wer einmal in einem Maybach wie auch in der neuen S-Klasse mit langem Radstand gesessen hat, der wird schnell merken, dass der Mercedes-Maybach S600 doch wirklich „nur“ eine S-Klasse ist, die 20cm mehr Platz für die Beine bietet. Wer das „Mehr an Luxus“ erkennen möchte, muss schon etwas genauer hinsehen. Ich habe beispielsweise nicht erkannt, dass die Türverkleidungen von Hand genäht waren. Vielleicht waren die S-Klasse-Modelle, die ich in letzter Zeit fahren durfte auch zu edel ausgestattet, aber das Leder Exklusiv Nappa, in dem der MMS600 eingeschlagen war, hat mich jetzt nicht so aus den Socken gehauen, ohne Frage fühlt es sich aber sehr angenehm an und ich würde mir wünschen, jeden Morgen in so ein Fahrzeug einsteigen zu dürfen, welches mit dem edlen Leder ausgestattet ist. Allenfalls dass auch Sonnenblenden, Haltegriffe und Säulenverkleidungen einen Lederüberzug vorweisen konnte, fand ich sehr luxuriös. Und ohne Frage auch sehr angenehm anzufassen.

Beim Öffnen der Türen des MMS600 wird man übrigens – egal ob Fahrer oder Passagier – mit einem Wohlgeruch empfangen. Auch das sogenannte AIR-BALANCE Paket kennt man schon aus der „normalen“ S-Klasse. Ein Glasgefäss im Handschuhfach mit einer aromatischen Flüssigkeit, die über die Belüftung im Innenraum für eine wohlriechendes Ambiente sorgt. Ganz ehrlich? Auch wenn man mir gesagt hat, dass im MMS600 der exklusive Duft namens AGARWOOD eingesetzt wird, ich hätte den Unterschied zu den anderen Duftmarken vermutlich nicht bemerkt. Ok, dass System ist eh optional und wäre nicht meins.

Hinten empfangen die Fond-Passagiere nun zwei Liegesitze, bei Mercedes Executive Sitze genannt. Allerdings kann nur der Passagier auf der rechten Seite so richtig profitieren, denn auch die 20cm mehr Platz im Innenraum geben dem Mitfahrer auf der linken Seite nicht genug Platz, um sich richtig abzulegen. Da ist dann nun mal der Fahrersitz im Weg, der sich auf der rechten Seite eben noch ein ganzes Stück nach vorne fahren lässt und sich dazu auch noch ein Stückchen wegklappt. Nicht verschweigen möchte ich, dass der so umgeklappte Beifahrersitz selbst mit der weggeklappten Kopfstütze dem Fahrer den Blick in den rechten Aussenspiegel verwehrt. Das war aber auch schon so in der „normalen“ S-Klasse mit dem langen Radstand so. Immerhin, im Mercedes-Maybach können sich nun auch Personen mit einer Körpergröße von 184 cm (Sarahs Größe nehme ich mal als Mass) vollends auf der rechten Seite ausstrecken, da machen sich dann die 20 Mehr-Zentimeter durchaus bemerkbar. Mercedes hat sich einiges einfallen lassen, damit man in den Executive Sitzen nicht nur hochkomfortabel sondern auch noch extrem sicher unterwegs ist. Die Sitzkissen verfügen einen eigenen Airbag. Dieser soll dafür sorgen, dass sich auch liegende Passagiere im Falle eines Unfalls nicht (strak) verletzten. Durch diesen Airbag können sie nicht mehr unter dem Gurt hindurch rutschen. Die Gurte selbst stellen einen Belt-Bag dar. Im Falle eines Aufpralls wird auch hier im Gurt ein Airbag gezündet, der den Gurt auf dreifache Breite aufbläst und schwere Verletzungen am Oberkörper verhindern soll.

Wie schon die S-Klasse mit dem langen Radstand gezeigt hat, lässt sich auch im Mercedes-Maybach S 600 sehr gut im Fond arbeiten. In der Mittelkonsole befinden sich optional Klapptisch auf denen sehr bequem ein 13″ Notebook Platz findet. Zudem ist das Fach mit 2 USB- wie auch einem normalen Stromanschluss ausgestattet. Das Entertainment-System im Fond kann zudem autonom genutzt werden. U.a. bedinden sich an jedem Platz Fernbedienungen und Bluetooth-Kopfhörer, damit die Passagiere DVD oder Fernsehen gucken können, oder aber eben auch nur Musik hören. Bei Bedarf kann man auch noch eine externe Videoquelle anschliessen.

Das Burmester® High-End 3D-Surround-Soundsystem ist im Maybach ebenfalls verfügbar und hört sich in der XL-S-Klasse ebensogut an. Zusätzlich hat man nun auch in den Fondtüren Tweeter eingesetzt, die sich beim Einschalten des Systems herausrollen.

Mein Fazit zum Mercedes-Maybach S600
Mir persönlich würde eine „normale“ S-Klasse mit langem Radstand ausreichen. Ich selbst müsste nicht die extra 20cm haben. Wohl aber verstehe ich, dass dies eine große Anzahl von Asiaten, Russen und Nordamerikanern ganz anders sehen wird. Am Ende des Tages ist die S-Klasse in meinen Augen eins der besten Oberklasse-Fahrzeuge, die aktuell verfügbar sind. Das zählt für mich. 20cm und ein wenig mehr Luxus muss ich nicht haben. Für diejenigen, die es brauchen, ist der Aufpreis aber meines Erachtens vertretbar. Zwischen dem S 500 mit langem Radstand (109.777,50 Euro) und dem Mercedes-Maybach liegen (134.053,50 Euro) liegen in der jeweiligen Grundausstattung 24.276 Euro. Der von mir gefahrene Mercedes-Maybach mit seinem V12 wird auf deutschen Strassen wohl eher ein Exot bleiben, ihn kann man zu einem Basispreis von 187.841,50 Euro kaufen.